Auch in Deutschland ist längst bekannt, dass Japaner viel arbeiten. Fest angestellte Japaner arbeiten oft sechs Tage die Woche und machen täglich Überstunden.

Aber das ist nicht alles. Japaner haben im Durchschnitt 18,5 Urlaubstage. Um ihren Kollegen nicht zur Last zu fallen nehmen sie davon jedoch nur etwa neun Tage in Anspruch. Viele verzichten sogar ganz auf Urlaub und arbeiten durch (Quelle: Spiegel online).

Noch bedenklicher wird das Ganze wenn man weiß, dass Japaner sich bei normalen Krankheiten nicht einfach krank schreiben lassen können, sondern Urlaub nehmen müssen.


Feierabend? Sagt mir nix…

Doch was, wenn die Arbeit endlich vorbei ist und der Feierabend naht? Dann geht es selten nach Hause, sondern zur Nomikai. Das bedeutet Trinkgelage in einer Kneipe mit Kollegen und Vorgesetzten, teilweise bis spät in die Nacht. Das ist keine wirklich freiwillige Veranstaltung, denn der Gruppengedanke ist in Japan essentiell. Wer der Nomikai dauerhaft fernbleibt, gilt schnell als Eigenbrötler und macht sich gesellschaftlich unmöglich.


Familienleben? Wer ist das denn?

Vielen japanischen Kindern ist die Familienzugehörigkeit des Vaters nicht mehr richtig bewusst.

Haruka erzählte mir vor kurzem von einem Beitrag in einem Forum, laut dem ein Kind nach einem der seltenen, gemeinsamen Sonntage mit dem Vater verkündete, dass der Herr nett sei und doch ruhig wieder mal vorbei kommen könnte.

Außerdem ist es in Japan völlig normal, ans andere Ende des Landes oder gar ins Ausland versetzt zu werden. Ist die Familie oder die Partnerin an den vorherigen Wohnort gebunden, muss der Mann eben alleine umziehen.

Eine Freundin von Haruka lebt und arbeitet in Tokyo, ihr Mann in Osaka. Zwischen diesen Städten liegen gut 500 km… Sie haben getrennte Wohnungen und führen letzten Endes eine Fernbeziehung.


 

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Geordnetes Verkehrschaos in Tokyo

Was dahinter steckt

Das klingt zunächst alles ziemlich grausam. Und tatsächlich klagen wirklich viele der ehemaligen Austauschstudenten aus meinem Bekanntenkreis über das Arbeitsleben. Die extremste Form der Überarbeitung, Karoushi, ist ein japanisches Phänomen und wird auch im Ausland mit dem japanischen Wort bezeichnet. Es beschreibt den Tod durch Überarbeitung.

Allerdings ist das natürlich das schlimmstmögliche Ergebnis und zum Glück eher selten. Obwohl Überarbeitung, stressbedingte Probleme und auch manchmal Selbstmorde in Japan sicher erheblich viel häufiger sind als anderswo, kennen die Meisten das Arbeitsleben schlicht nicht anders. Für die Mehrheit der Bevölkerung ist der aktuelle Zustand normal.

Wie bereits erwähnt ist die harmonische Koexistenz in der Gruppe für viele wichtiger, als individuelle Selbstverwirklichung. Mehr noch: Gerade japanische Männer sind oft so schüchtern und kontaktscheu, dass Sie es sehr schätzen, wenn die Firma ihre Freizeit plant, ihre Freunde für sie aussucht und oft sogar die zukünftige Ehefrau zur Verfügung stellt. Viele Firmen ermutigen nämlich auch heute noch ihre Angestellten zur Partnerschaft im eigenen Haus und verkuppeln häufig ihre Arbeiter.

Auch die weiter oben erwähnten Nomikai haben noch einen anderen Nutzen als die Gleichschaltung. Hier nivelliert sich die traditionell starke Hierarchie unter Alkoholeinfluss und auch niedere Angestellte dürfen Wünsche und Kritik äußern.


Ist es wirklich so schlimm?

Obwohl Vieles für uns grausam scheint, ist die japanische Arbeitswelt für die meisten Japaner einfach stinknormal. Wer es nicht anders kennt, der hinterfragt es auch nicht. Und wer sich unterordnen kann und kein Problem hat, mit dem Strom zu schwimmen, der hat vermutlich auch kein Problem mit dem Leben und Arbeiten in Japan.

Man kann allerdings nicht leugnen, dass die Zahl der Japaner, die sich mit dieser Art des Lebens nicht mehr zufrieden geben wollen, langsam steigt.

 

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