Ich stamme ja aus dem eher grummeligen Franken. Der durchschnittliche Franke hat gerne seine Ruhe und mag, was er kennt. In der hiesigen Gesprächskultur ist der Lautere im Vorteil und es kann manchmal äußerst schwierig sein, sich in laufende Gespräche oder bestehende Gruppen zu integrieren.

Sicher werden mir an dieser Stelle viele empört widersprechen und tatsächlich kenne ich einige Menschen, die das völlig anders sehen als ich. Mehr noch, ich kenne sogar Franken, auf die das oben gesagte absolut nicht zutrifft. Im Großen und Ganzen ist diese subjektive Einschätzung dennoch das Destillat aus meinen über 30 Jahren Leben und Wohnen in Franken.

In Japan teilen sich erheblich viel mehr Menschen viel weniger Raum. Deshalb ist Harmonie in der Gruppe unerlässlich im Alltagsleben. In der Kommunikation geht es vor allem darum, dass sich alle wohlfühlen und niemand ausgeschlossen wird. Dementsprechend ist es gerade beim ersten Kennenlernen weniger wichtig sich möglichst interessant darzustelle, als Interesse zu zeigen.


Vom Cliche des unzugänglichen Japaners

Oft hört man, Japaner seien verschlossen und würden nicht ihre Meinung sagen. Ersteres stimmt eigentlich nur dann, wenn keine gemeinsame sprachliche Basis gegeben ist. Letzteres beruht auf einem großen Unterschied in unserem Gesprächsverhalten: Deutsche lieben die Diskussion. Die eigene Meinung zu erklären und zu verteidigen, oder besser noch, Andere davon zu überzeugen, ist oft oberstes Ziel einer Unterhaltung.

Wir nennen das Streitkultur und meinen es eigentlich gar nicht böse, verschrecken Japaner damit aber oft nachhaltig.
Viele japanische Austauschstudenten sind anfangs regelrecht schockiert, wie aggressiv man sie im Gespräch angeht. Dabei sind sie keineswegs schwach, oder haben keine eigene Meinung. Es ist schlicht extrem seltsam für sie, dass Menschen, mit denen sie kein enges freundschaftliches Verhältnis pflegen, so intensiv mit ihnen diskutieren und ihre Ansichten einfordern.

Japaner wollen in Konversationen nicht unter Anderen hervorstechen. Die Höflichkeit verbietet Ihnen, gerade wenn man sich noch nicht so gut kennt, Andere direkt, oder indirekt zu kritisieren, auf das eigene Recht zu beharren oder anderweitig den Frieden zu stören.

Hierzu ein Beispiel: Ein Deutscher spricht mit einem Japaner. Er ist nicht weiter an Japan interessiert und wählt willkürlich ein Thema, das ihm zu Japan in den Sinn kommt.

„Stimmt das eigentlich, dass ihr Wale esst?“

Der Japaner (nichts Böses ahnend, denn in Japan spricht man gerne und oft übers Essen) „Ja, manche essen bei uns Wal“

„Echt?! Aber die sind doch vom Aussterben bedroht. Und hast Du mal gesehen, wie die gefangen werden? Ich hab da einen Bericht im Fernsehen gesehen… „

Meist monologisiert der Deutsche nun lange Zeit über den brutalen Walfang, der Japaner wird immer hilfloser und einsilbiger und vermutlich entsteht eher keine lebenslange Freundschaft. Wem das Beispiel gestellt vorkommt, dem muss ich sagen, dass ich es unzählige Male genauso erlebt habe und noch heute erlebe.

Weitere beliebte Themen von deutscher Seite: Kritik an der japanischen Atompolitik, diese perversen japanischen Zeichentrickfilme und Ähnliches.

Japan ist in den deutschen Medien natürlich weniger präsent als europäische Länder und sicher ist die einseitige, skandalgierige Berichterstattung in den Nachrichten mit Schuld am begrenzten Wissensstand und dem damit einhergehenden Mangel an positiven Japanthemen. Aber ich glaube auch, dass es einfach in unserer Natur liegt zum Anfang eines Gesprächs ein Reizthema zu wählen, den Anderen aus der Reserve zu locken und dadurch zu prüfen, wie er tickt.

Japaner sind es jedoch gewohnt, neue Bekanntschaften mit unverfänglichem Smalltalk zu beginnen. Erst wenn ein gewisses Vertrauensverhältnis besteht, werden schwierige Themen angepackt.


Nett, dass Du fragst!

Eine weitere Besonderheit in der japanischen Gesprächskultur habe ich schon weiter oben angesprochen: Japaner begegnen ihrem Gegenüber mit Interesse. Sie erfragen Details zu Person, Hobbies und Lebensumständen, haken nach und halten das Gespräch am Laufen. Ein Grund dafür ist, dass es höflich ist, dem Gesprächspartner gegenüber aufmerksam und freundlich zu sein. Ein weiterer, dass sie an Ausländern tatsächlich interessiert sind.

Japan ist eine Inselnation und verglichen mit Deutschland ist der Anteil der dort lebenden Ausländer sehr gering. Um ins Ausland zu reisen ist entweder eine Flug – oder Schiffsreise nötig. Außerdem sprechen viele Japaner keine Fremdsprache und falls doch, oft nicht gut. Daher ist der direkte Austausch mit Ausländern selten und die Neugier gegenüber japanischkundigen Besuchern umso größer.

Besonders lange Gespräche über typisches Essen des Heimatlandes sind an der Tagesordnung. Aber auch Bräuche und Gewohnheiten werden mit großem Interesse erfragt. Das fühlt sich richtig gut an, besonders wenn man lange Zeit viele tausend Kilometer von der Heimat entfernt ist.

Daher muss die Frage erlaubt sein, warum wir den Ausländern in unserem Land nicht ähnlich interessiert begegnen. Natürlich sind wir hier im Herzen Europas daran gewöhnt, mit europäischen Ausländern zusammen zu leben, aber warum auch Leuten von viel weiter weg so oft die kalte Schulter gezeigt wird, kann ich nicht verstehen. Die wenigsten wollen wissen, woher genau Austauschstudenten kommen, warum sie ausgerechnet Deutschland gewählt haben und schon gleich gar nicht, wie sich das Leben in ihrer Heimat so gestaltet.

Ich weiß nicht, ob das eine Besonderheit von Franken ist, oder ob es auch im Rest der Nation so läuft, aber ich finde es wirklich schade. Denn wer sich bei uns wohl fühlt, der sagt es weiter oder kommt sogar wieder. Und es ist keineswegs so, dass wir ein makelloses Image im Ausland haben.

Während meinem Austauschstudium haben wir uns im Unterricht mit dem Image unserer Heimatländer beschäftigt. Damals sagte die Welt über Deutschland, dass sie gerne mit uns zusammenarbeiten wolle, aber nicht mit uns befreundet sein möchte. Da ist definitiv noch Luft nach oben!

Abschließend noch eine Anmerkung: Ich habe oft sehr allgemeine Aussagen gemacht, einfach weil es irgendwann langweilig wird, wenn ich immer auf meine persönliche Meinung und subjektiven Erfahrungen verweise. Aber hier möchte ich trotzdem noch einmal klarstellen, dass mir bewusst ist, dass weder alle Deutschen, noch alle Franken oder alle Japaner genau so sind, wie ich es beschrieben habe.

3 thoughts on “Streitkultur

  1. Schöner, treffender, anregender Artikel, bitte mehr davon!

    Ich habe auch manchmal den Eindruck, dass diejenigen Japaner, die es nach Franken verschlägt, die härtesten Knochen sein müssen. Düsseldorf erschien mir da letzting entspannter… von der ausgedehnten Japan-Gemeinschaft dort mögen sowohl ‚Zuagroaste‘ als auch Ansässige profitieren.

    Und oh… bleibt bloß möglichst subjektiv! Mich persönlich interessiert euere individuelle Meinung, hier in euerem Blog : D

  2. Danke! Aus dem Munde eines Japanexperten freut uns das natürlich besonders!
    Wäre wirklich interessant, mehr über japanisch-deutsches Leben in Düsseldorf zu erfahren. Leider wissen wir da aber nicht wirklich Bescheid.

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