Es ist überall das gleiche: Ein großer Altersunterschied bewirkt große Differenzen in den Lebensvorstellungen. Auch in Japan gibt es vielgestaltige Zerwürfnisse zwischen Jung und Alt.

Unser Japanbild ist geprägt vom aufopferungsvollen Arbeiter, der für die Firma alles gibt und für den Fleiß die höchste Tugend darstellt. Mit jeder neuen Generation scheint jedoch die Begeisterung an dieser Lebensweise zu sinken.

Als eine Art Gegenbewegung zum Ideal des Salaryman (ein White-collar-Angestellter mit relativ sicherer Zukunft, aber auch mit sehr wenigen Freiheiten), haben sich in Japan die Freeter und Neets entwickelt. Neet bedeutet „Not in education, employment or Training“ und bezeichnet Menschen, die weder Studenten, noch Azubis oder Praktikanten sind und auch keinen Job haben . Im Gegensatz dazu arbeiten Freeter zwar, aber ausschließlich in Aushilfs- und Teilzeitjobs.

Die Ursachen für einen derartigen Lebenswandel sind vielfältig. Manche haben die Schule oder Ausbildung geschmissen und sind daher nicht ausreichend für besser bezahlte Tätigkeiten qualifiziert. Andere wählen ganz bewusst eine völlig unverbindliche oder gar keine Beschäftigung. Schließlich ermöglicht das erheblich mehr Freiheiten als eine Festanstellung (vor allem was Urlaub angeht). Wiederum Andere scheitern am shuukatsu, dem Job-hunting. Denn hier sieben die Firmen gnadenlos aus und zermürben mit endlosen Prüfungs- und Interviewmarathons einige Bewerber derart, dass sie demotiviert und voller Selbstzweifel mit der Arbeitswelt abschließen.

Der Unterschied zwischen beiden Gruppen ist, dass Neets den von der Gesellschaft vorgesehenen Weg vollständig verlassen haben. Sie sind aufgrund von Stress, Mobbing und Minderwertigkeitskomplexen nicht mehr in der Lage ihre Existenz selbst zu bestreiten und müssen sich auf Andere verlassen. Freeter hingegen haben oft durchaus noch Ambitionen oder sind einfach unentschlossen über ihren weiteren Lebensweg. Manchmal wird dies jedoch zum lähmenden Dauerzustand.


Geldsorgen 

Doch wie finanziert man sein Leben im teuren Japan, wenn man lediglich Einkünfte aus Nebenjobs oder noch weniger bezieht? Freeter wohnen oft in winzigen Zimmerchen und sind nur mit dem Allernötigsten ausgestattet. Manche haben auch gar keinen festen Wohnsitz und ziehen sich nachts zum Beispiel ins Mangakissa zurück. Dabei handelt es sich um Geschäfte, in denen man zum Mangalesen kleine Separees mieten kann, in denen es Computer und Schlafsessel und im besten Fall auch Duschmöglichkeiten gibt. Weibliche Freeter überbrücken die Zeit bis zur Heirat oft im Elternhaus und ziehen danach zu ihrem Mann.

Auch Neets bleiben meist im Haus der Eltern, weil eine eigene Wohnung nicht zu bezahlen ist. Gerade in Filmen, Romanen und anderer japanischer Popkultur trifft man oft auf das Klischee vom völlig verzogenen Sohn, der bis ins hohe Alter von der Mutter umsorgt wird. Sehr häufig werden diese Stereotypen auch als Otakus dargestellt, die nur noch in Comics, Videospielen und dem Internet Zufriedenheit finden. Das ist sicher ein sehr extremes Bild, aber scheinbar gar nicht so selten. Weibliche Neets profitieren in Bezug auf die Wohnsituation vom leicht angestaubten japanischen Geschlechterbild: Da Haushaltshilfe ein gesellschaftlich tolerierenr Beruf für Frauen ist, dürfen Sie unter diesem Vorwand bis ins hohe Alter bei den Eltern wohnen, ohne soziale Häme zu erfahren.


Krankheitsbilder

Wer in Japan zum Außenseiter wird, erfährt weitaus mehr gesellschaftliche Ächtung, als bei uns. Egal ob in der Schule, der Familie oder im Job. Aufgrund von Überbevölkerung und dem damit einhergehenden Platzmangel ist Individualität nur in sehr geringem Maße möglich, weil man seinen Mitmenschen dadurch schnell zur Last fällt. Wer sich nicht nahtlos einfügt, über den wird getuschelt, der wird von oben herab behandelt und im schlimmsten Fall sogar gemobbt.

Auch in Deutschland kennt man das Krankheitsbild der Hikikomori. Im schlimmsten Fall wird dies zum Endstadium vieler Neets. Erkrankte werden regelrecht soziophobisch und meiden jeden Kontakt mit ihren Mitmenschen. Sie ziehen sich in das eigene Zimmer zurück und verlassen es nur noch, wenn es gar nicht anders geht. Reale, zwischenmenschliche Beziehungen und Partnerschaft sind durch schlechte Erfahrungen derart negativ belegt, dass sie möglichst gemieden werden.

Außerdem hat die japanische Unterhaltungsindustrie viel zu bieten und virtuelle Freunde und Partner haben sehr viel geringere Ansprüche als echte. So ist neben Manga, Anime und Videospielen auch der Austausch in Foren wie z.B. Nichan unter Neets sehr beliebt. Auch in Japan sinkt also offenbar die Hemmschwelle in der Anonymität des Internet.


Ursachensuche

Warum hat sich die japanische Einstellung so stark verändert? Nach dem zweiten Weltkrieg war Japan moralisch und wirtschaftlich am Boden. Der Kaiser war gezwungen, öffentlich die eigene Niederlage einzugestehen (für die Japaner eine unerträgliche Schande) und die Menschen hatten die Wahl, zu einem ohnmächtigen und bedeutungslosen Verliererstaat zu verkommen, oder über sich selbst hinaus zu wachsen. Die meisten wissen sicher, dass die Japaner sich in Rekordzeit wieder nach oben arbeiteten und Vergleiche mit dem deutschen Wirtschaftswunder keinesfalls scheuen mussten.

Damals reifte die Überzeugung, dass man mit Fleiß alles erreichen kann. Leider war die daraus resultierende Wirtschaftsblase der Grundstein für die Verzweiflung vieler aktueller japanischer Jugendlicher. Als die scheinbar unendlich boomende Seifenblase nämlich platzte zeigte sich, dass Fleiß allein nicht immer hilft. Und nach und nach wurde bei jeder Folgegeneration das Gefühl stärker, ohnehin nichts ändern zu können. Irgendwann ging es nicht mehr darum, einen Beitrag zum Wohl der Gesellschaft zu leisten, sondern eher, sich Träume zu erfüllen. Manche rutschen überhaupt erst in ein Freeter -Dasein ab, weil sie unbedingt ihren Traumjob (Musiker, Schauspieler, Mangazeichner etc.) ergreifen wollen, und sich mit einer Niederlage nicht abfinden. Einen „richtigen“ Beruf zu ergreifen hieße, keine Zeit mehr für das Verfolgen der eigentlichen Ziele zu haben.

Heute ist der japanische Staat massiv verschuldet und die Wirtschaft stagniert weiter. Trotzdem ist Japan eine vergleichsweise wohlhabende Industrienation. Viele haben zu Zeiten der Bubble economy derartige Vermögen angehäuft, das noch ihre Kinder und Kindeskinder davon profitieren. Natürlich hält aber auch dieses Geld nicht ewig. Armut und Arbeitslosigkeit nehmen seit Jahren zu und die Ohnmacht vieler Jugendlicher, sich in diesem verfallenden System zu engagieren ist sicher nur der Anfang von weitaus tiefgreifenden Veränderungen.


Überalterung

Erschwerend kommt die Überalterung der Japaner hinzu. In keinem anderen Land der Welt gibt es derart viele Alte Menschen, während gleichzeitig die Geburtenrate derart niedrig ist. Die Auswirkungen dieses Phänomens zu beschreiben, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Für das aktuelle Thema ist lediglich die Tatsache wichtig, dass japanische Politik natürlich eher für ältere Menschen gemacht wird. Denn diese haben in ihrem Leben meist ein großes Vermögen angehäuft, glänzen durch hohe Wahlbeteiligung und stellen einen sehr großen Teil der Bevölkerung. Und auch Politiker und anderweitige Eliten sind eher alt und unflexibel. Wichtige politische und gesellschaftliche Entscheidungen werden meist gefällt, um das alte System zu erhalten und nicht, um es für eine neue Generation zu öffnen oder anzupassen. Auch in den Medien werden Jugendliche, die in dieser Gesellschaft keinen Platz finden meist als untragbare Störfaktoren angeprangert, anstatt dass über Mittel und Wege diskutiert wird, sie zu integrieren.

So komme ich zu einem ganz ähnlichen Fazit, wie in meinem Videospielbeitrag. Die äußeren Umstände verändern sich ständig, aber die Japaner in den Schlüsselpositionen bleiben unbeweglich. Leider geht es hier nicht um internationale Zusammenhänge, sondern um das eigene Land. Wer in Zeiten der Globalisierung internationale Entwicklungen ignoriert, handelt unklug. Aber wer mit den Entwicklungen im eigenen Land nicht Schritt hält, der handelt gefährlich.

One thought on “Die Jugend von heute (10.000 km östlich)

  1. Freeter und Neets! Aber natürlich! Diese Ausdrücke hatte ich tatsächlich schon lange nicht mehr gehört. Und das ist, wenn man sich’s überlegt, eigentlich schade. Denn ich finde, allein eine derartige ‚Typen-Bezeichnung‘ zu HABEN bringt schon ein bisschen mehr Ordnung ins Chaos, insbesondere für die Betroffenen selbst – man kann sich einordnen und ist ‚kategorisiert‘. Was ist man in Deutschland? HartzIVler, stinkfaul, Sozialschmarotzer… sogar ‚Aufstocker‘ ist deutlich negativ konnotiert. Ich plädiere für die Einführung der Begriffe Neet und Freeter und dafür, diese mit Überzeugung zu tragen, jawohl!

    Ein großes Ausrufezeichen auch hinter deinen letzten Absatz. Dass Gesellschaften nicht Schritthalten mit gewissen Entwicklungen ist das Grundproblem überhaupt. Meiner Meinung nach gilt dies aber für alle Industrienationen, Japan steht da nicht allein. Überaus spannend nur, zu beobachten, wie Gesellschaften unterschiedlicher Erdteile damit umgehen!

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