Japaner sind meist bescheiden, zurückhaltend und häufig auch schüchtern. Nach deutscher Auffassung nicht die besten Voraussetzungen dafür, daß andere Geschlecht zu beeindrucken. Aber auch in diesem Bereich gibt es große Unterschiede zwischen unseren Ländern.

Das beginnt schon bei den Kriterien, die über Attraktivität entscheiden. Natürlich gibt es verschiedene äußere Merkmale: Bei Frauen gilt zum Beispiel eine möglichst helle Haut als attraktiv und Niedlichkeit wird oftmals einem erwachsenen Äußeren vorgezogen. Bei den Männern werden feingliedrige, androgyne Typen favorisiert.

Ich möchte jedoch eher auf die Präferenzen in Bezug auf die inneren Werte eingehen. Denn hier sind die Unterschiede zu Europa bedeutend größer. Bei uns wird viel Wert auf Verführungskünste gelegt. Ein charmantes Auftreten und geschicktes Flirt-Verhalten entscheiden oft darüber, ob wir dem Gegenüber näher kommen wollen. Extrovertierte Charaktere mit hohem Selbstvertrauen haben weitaus größere Chancen als nachdenkliche, zurückhaltende Menschen. Werte wie Intelligenz und Verlässlichkeit stehen dagegen zunächst nicht besonders hoch im Kurs.

Ganz anders in Japan: Hier gilt Bescheidenheit als echte Tugend und allzu aufdringliche Menschen wirken eher abschreckend. In der Schule sind gute Noten und hohes Engagement im Unterricht und beim Bukatsu (verschiedene schulische Clubs, in denen Sport, Musik u.a. gemacht wird) attraktiv. Später im Berufsleben haben Menschen mit sicheren Jobs und guten Aufstiegschancen den Vorzug. Dementsprechend sind, man mag es kaum glauben, Beamte Traummänner für viele Japanerinnen. Mittlerweile gibt es sogar Partnervermittlungen und Dating-Events, die sich auf diesen Berufsstand spezialisiert haben.

Ich habe ja bereits in anderen Beiträgen kurz angerissen, dass das Frauenbild der Japaner eher… klassisch ist. Eine Traumfrau ist natürlich hübsch und intelligent, sollte sich aber auch unterordnen können und ein gewisses Geschick in der Haushaltsführung mitbringen. Frauen, die nicht kochen können, haben oft derartige Komplexe, dass ihr mangelndes Talent in Kombination mit fehlgeleitetem Ehrgeiz absurde Blüten treibt. Heute eher zu vernachlässigen sind ehemals essentielle weibliche Fähigkeiten wie Ikebana, Teezeremonie oder das Beherrschen eines Instruments.


Kokuhaku

Wenn das Interesse an einem Mitmenschen groß genug ist um den nächsten Schritt zu tun, wird gemäß japanischem Verhaltenskodex Kokuhaku fällig. Man gesteht dem Anderen seine Gefühle. Natürlich gibt es das auch in Deutschland, der Unterschied ist jedoch, dass Japaner ein „natürliches Zusammenkommen“ ohne offizielles Geständnis gar nicht mögen. Hollywood hat uns gelehrt, dass der romantischste Beginn einer Beziehung zum Beispiel ein Kuss aus dem Affekt einer schönen, intimen Situation heraus ist. Viele Japaner lehnen das ab, weil die Intention so nicht geklärt ist: Geht es nur um Sex, oder will der andere mehr? Mit einem offiziellen Geständnis der eigenen Gefühle bekundet man Interesse an einer Beziehung und alle wissen, woran sie sind.

Kokuhaku selbst hat keine klaren Regeln. Auch in Japan schreibt man z.B. Liebesbriefe. Eine weitere Variante ist den oder die Angebetete mit Unterstützung eines Vertrauten zu einer privaten Unterredung zu bitten und dann reinen Tisch zu machen. Natürlich gestehen auch viele ihre Gefühle auf Dates.


Zusammen sein

Hat alles geklappt und ist man ein Paar, läuft trotzdem Vieles anders als bei uns. Zunächst einmal zeigen Japaner keine Intimität in der Öffentlichkeit. Händchen halten, Umarmungen oder gar Küsse gibt es nur in unbeobachteten Momenten, oder wenn man zumindest sicher sein kann, keinem Freund oder Bekannten über den Weg zu laufen. Man erzählt auch fast niemandem von einer Beziehung. Besonders in der Schulzeit und im Studium werden teils absurde Anstrengungen unternommen, um die Beziehung vor Mitschülern und Kommilitonen geheim zu halten. Die Gründe dafür sind in erster Linie, dass es als peinlich gilt, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen und sich außerdem die Beziehung zu den Mitmenschen verändert. Oft erzeugen Mitschüler, Kommilitonen und Kollegen bewusst Zweisamkeit für das Paar und nehmen übertrieben viel Rücksicht, so dass sich der Umgang miteinander verändert.

Natürlich wird auch die schönste Nebensache der Welt streng geheim gehalten. Da japanische Wohnungen und Häuser klein sind und die Wände dünn, ist Sex, solange man noch bei den Eltern wohnt, zu Hause eher selten. Dafür geht man in Love Hotels. Diese funktionieren meist vollautomatisch, so dass man völlig anonym einchecken kann. Die Ein- und Ausgänge sind gut verborgen und das Hotel ist auch nicht sofort als solches zu erkennen. Ein raffiniertes System verhindert, dass sich Gäste im Hotel begegnen: Man bezahlt an einem Automaten auf dem Zimmer. Dieser entriegelt die Tür erst nach Bezahlung und wenn die Gänge frei sind.

Noch einige Worte zum Umgang miteinander: Japaner sind in Beziehungen oft sehr passiv. Natürlich wünscht sich jeder Dates, interessante Gespräche und romantische Situationen mit dem Partner. Allerdings warten oft beide darauf, dass der Andere in Aktion tritt. Statt zu agieren, wollen beide nur reagieren, was natürlich nirgendwo hinführt. Außerdem wird es als peinlich empfunden, seine Gefühle allzu deutlich zu zeigen. Es ist eher selten darüber zu sprechen, was einem in der Partnerschaft gefällt und was nicht. Anstatt zu versuchen Probleme aktiv gemeinsam zu lösen oder wenigstens zu verbessern, hat man Geduld und erträgt stumm alle Schwierigkeiten. Das ist auch in vielen anderen Situationen eine urjapanische Tugend. Bevor man die Konfrontation sucht ist es besser, die eigenen Wünsche hinten anzustellen und sich zu fügen.


 

Keine Zeit

Auch für Paare birgt die japanische Betriebsamkeit einige Probleme. Das beginnt oft schon zu Schulzeiten, wo Prüfungen und Clubaktivitäten derart viel Zeit kosten, dass für den Partner nicht mehr viel übrig bleibt.

Besonders bei Berufstätigen treibt der Stress mitunter absurde Blüten. Viele führen glückliche Beziehungen, haben aber niemals mehr als ein Wochenende zusammen verbracht. Wenn solche Paare nach der Hochzeit zusammenziehen bemerken sie oft, dass sie zwar auf Dates und in kurzen Zeiträumen gut zusammen funktionieren, aber nicht zusammen leben können.

Funktioniert das Zusammenleben dagegen gut, ist die Zeit, die man zusammen verbringt, dennoch stark begrenzt. Berufstätige Männer kommen oft an sechs Tagen pro Woche spät nachts nach Hause. Auch am Morgen gibt es nicht viel Zeit zusammen, da Berufstätige immer häufiger über weite Strecken pendeln und sehr früh aufstehen müssen. Manchmal wohnen Männer sogar getrennt von ihren Frauen und Kindern, weil sie zum Beispiel versetzt wurden und ihre Familie nicht entwurzeln wollen. Für viele ist eine Beziehung, in der man sich so selten sieht völlig normal. Manche sind sogar froh über den Freiraum und gar nicht so glücklich, wenn der Partner am Sonntag da ist, weil die Arbeit dann zunimmt. Andere hingegen sind unzufrieden und würden sich zum Beispiel bei der Kindererziehung viel mehr Unterstützung wünschen.


 

Die Unterschiede

Zusammenfassend kann man sagen, dass japanische Paare weniger die eigene Beziehung thematisieren, als Deutsche. Man spricht nicht viel über die Partnerschaft und arbeitet auch nicht aktiv daran, sie zu verbessern.

In jungen Jahren sind die Motive japanischer Paare denen der Deutschen ganz ähnlich. Es geht um Romantik, Selbstbestätigung und große Gefühle. Im Erwachsenenalter ändert sich das jedoch schrittweise. Auch in Deutschland gibt es Kommentare aus der Verwandtschaft zum eigenen Familienstand. Fragen, wann man denn endlich heiratet, oder wo die Enkel bleiben sind keine Seltenheit. In Japan ist der soziale Druck jedoch ungleich größer. Frauen verglich man noch bis vor kurzem mit dem in Japan sehr beliebten Christmas Cake. Bis zum 24. Dezember wollen ihn alle, am 25. kann man ihn nicht mehr verkaufen. So haben auch Frauen ein Verfallsdatum und ab 25 Schwierigkeiten zu heiraten. Dieses Verfallsdatum ist mittlerweile auf 31 korrigiert (wie beim Toshikoshisoba, einem traditionellen Neujahrsgericht, das nach dem Neujahrsabend im Folgejahr auch keiner mehr essen mag), das gesellschaftliche Stigma der unverheirateten kinderlosen Alten wirkt aber noch immer extrem bedrohlich. Dementsprechend spielt Romantik ab einem gewissen Alter keine Rolle mehr und besonders Hochzeiten führen häufig in Zweckgemeinschaften. Es ist nicht so wichtig, ob man Gefühle für den Ehepartner hat. Hauptsache man führt ein gesellschaftlich toleriertes Leben und hat eine möglichst gesicherte Existenz. Ohne den immensen gesellschaftlichen Druck gibt es das sicher auch in Deutschland, es erscheint mir jedoch weniger häufig.

Vieles, was ich oben beschrieben habe mag relativ kritisch klingen, allerdings liegt das eher an meinem Schreibstil, als an meiner tatsächlichen Meinung. Denn wenn wir ehrlich sind, ist die reine Liebesheirat, die tatsächlich von Dauer ist auch in Deutschland selten. Faktoren wie das Alter, versehentliche Schwangerschaften, Torschlusspanik oder gar steuerliche Vorteile treiben sicher mehr Deutsche zur Heirat, als die Liebe. Nur geben wir das eben nicht zu. Japaner sind da tatsächlich pragmatischer und vielleicht sogar ehrlicher.

4 thoughts on “Beziehungen

  1. Und wieder mal ein unterhaltsam beschriebener Blick auf ein interessantes Thema! (Woher nehmt ihr eigentlich die Zeit für euere Artikel!? ; )

    Gut, dass du am Ende doch noch erwähnst, dass unterm Strich auch in Deutschland schließlich und endlich pragmatische Gründe zählen und entscheiden, da braucht sich keiner was vorzumachen. Auf dem Grund der Tatsachen, denke ich, ‚funktioniert‘ das menschliche Miteinander doch immer gleich, nur die Art, wie es sich ausmalt, ist unterschiedlich. Hormonspiegel senken sich nun mal wieder, und dann wird nüchtern betrachtet… überall.
    Aber die angesprochenen feinen Unterschiede in den Herangehensweisen bringen die Würze ins Thema!

    Erwähnen möchte ich hier gerne noch die Konsequenzen, die sich mitunter (und leider so häufig, dass sie thematisiert werden müssen) aus der Arbeitssituation (seit den 1960ern…) heraus ergeben, in der, wie du schon sagst, Ehepartner nur allzu wenig Zeit füreinander haben (können). Die Scheidungsrate unter Rentnern ist in Japan erstaunlich hoch. Ehefrauen wissen so gar nicht recht, was sie mit diesem (quasi fremden) Mann anfangen sollen, der nach Eintritt ins Rentnerdasein jetzt plötzlich die ganze Zeit daheim rumsitzt…

    Hört man sich um, so muss man allerdings inzwischen für Deutschland diagnostizieren, dass auch hier leider mehr und mehr Arbeitnehmer nur noch zum Wochenende zu Hause sein können – eine wirklich alarmierende, unter keinen Umständen gesellschaftsfördernde Tendenz.

    Wir dürfen aber eins nicht vergessen: bei all diesen und sonstigen Problematiken haben die Japaner aber immer noch einen besonderen Ausgleichsjoker im Ärmel: Onsen!!

    1. Tatsächlich ist mir selbst erst beim Schreiben aufgefallen, dass ich Deutschland da etwas blauäugig gesehen habe. In meinem deutschen Bekanntenkreis reden nur Wenige offen über unbequeme Wahrheiten in Beziehungen. Von den Japanern habe ich da einfach schon viel mehr in die Richtung gehört. Das hat mich zunächst vielleicht ein bischen fehlgeleitet.

      Danke für Deine Ergänzung in Bezug auf die Rente. Daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Irgendwo habe ich sogar mal gelesen, dass Japanerinnen (die ja noch heute oft die Finanzen der Familie managen) manchmal schon ab Beginn der Ehe kontinuierlich Geld auf die Seite schaffen, um für genau für den von Dir beschriebenen Fall gerüstet zu sein. Ofukuro no okane heißt das glaube ich (Vorsicht, Halbwissen!)

  2. Andi,

    Nur kleine Ergänzung.
    Das Geld, das die Ehefrauen auf die Seite schaffen, heißt „Hesokuri“ auf Japanisch;-)

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