Ein Arbeitskollege fragte mich vor kurzem beim Anblick einiger Mangacharacter auf meinem Bildschirm, ob die Japaner ihre süßlich-kindischen Figürchen nicht irgendwann mal satt hätten.

Aber warum sollten Sie es satt haben und was ist überhaupt das Problem mit Niedlichkeit oder Illustration im Allgemeinen? Deutsche können sich ja offenbar auch nicht am Fussball satt sehen. Viele meiner deutschen Bekannten mögen keine Manga, Anime oder japanischen Videospiele. Der Grund dafür ist aber nicht, dass sie die Handlung oder das Spielprinzip stört. Darauf lässt sich nämlich kaum jemand ein, weil gezeichnete, farbenfrohe Figuren schließlich nur in Produkten für Kinder vorkommen die dementsprechend oft vorverurteilt und gar nicht ausprobiert werden.

Und genau darum soll es in diesem Beitrag gehen. Aus welchem Grund gibt es in Japan einen regelrechten Kult um Niedlichkeit, Illustration und Character-Design, während die Deutschen beim kleinsten Anzeichen davon fast schon schreiend davonlaufen.


Warnhinweise müssen nicht unbedingt bierernst sein. Dieses Schild warnt vor Lebensgefahr.
Warnhinweise müssen nicht unbedingt bierernst sein. Dieses Schild warnt vor Lebensgefahr.

Kawaii

Fangen wir in Japan an. Wie mittlerweile bekannt sein dürfte, funktionieren viele Manga und Anime nach dem Kindchenschema: Große Augen, kleine Münder und Stupsnäschen sollen die Figuren liebenswert erscheinen lassen und Beschützerinstinkte wecken. Die Japaner nennen das „kawaii“, was schlicht „niedlich“ bedeutet.  Aber auch abseits der Unterhaltungsindustrie mögen Japaner Niedlichkeit. Nahezu alle Tiere, Pflanzen und Alltags-Gegenstände, von Speisen und Getränken über Haushaltsgeräte bis hin zu schweren Maschinen, existieren auch als antropomorphe Maskottchen. Diese Figuren finden ihren Einsatz jedoch keineswegs nur bei Angeboten für Kinder. Eine Apotheke in Tokyos Edelviertel Ginza wirbt mit einem Elefanten im Doktorkittel (siehe Foto am Anfang dieses Beitrags). Während meinem Austauschstudium hatte ich eine EC-Karte der Ashikaga Bank, auf der zwei Seehunde in Latzhose und Rüschenkleid abgebildet waren. Dabei handelte es sich wohlgemerkt nicht um eine Sonderedition der Karte mit lizenzierten Figuren. Die beiden waren die offiziellen Maskottchen der Bank. Und auch sonst spricht in Japan nichts dagegen, jede beliebige Leistung, Firma oder Person auf süße, quietschbunte Art und mit viel Illustration zu bewerben.

Aber dieses Phänomen ist keineswegs auf die Werbung begrenzt. Auch japanische Mädchen und Frauen streben gezielt nach Niedlichkeit. Mode, Accessoires, Make up und sogar Gesten und Sprache werden bewusst süß gehalten. Tatsächlich haben die Japaner damit schon mehrfach internationale Trends angestoßen, die überall auf der Welt Nachahmer finden. Die Gothic Lolita und Cosplayer zum Beispiel trifft man längst auch in Europa an. In Frankreich, einer der wichtigsten Städte für Mode überhaupt, existiert sogar ein Magazin namens Tokyo kawaii, dass sich mit japanischer Mode befasst.

Aber auch Gegenstände sind in Japan oftmals mit niedlichen Illustrationen versehen. So findet sich zum Beispiel Hello Kitty auf absolut allen erdenklichen Objekten des täglichen Gebrauchs. Selbst vor Software macht dieses Phänomen nicht Halt. Auf manchen Geldautomaten instruieren den Nutzer nicht dröge Texteinblendungen, sondern Manga-Bankangestellte. Und Harukas Smartphone wird ihr von einem kleinen Schaf erklärt, daß permanent in den Menüs präsent ist, Tipps gibt und Funktionen erläutert.

Natürlich finden nicht alle Japaner Niedlichkeit toll und für sich selbst erstrebenswert. Es ist lediglich ein Stil unter vielen Anderen, den man nachahmt, oder eben nicht. Und Illustration ist in Japan zwar allgegenwärtig, muss aber keinesfalls immer niedlich sein. In jedem Fall hat man das Gefühl, dass sich die Japaner trotz aller Tradition und Höflichkeit nicht ganz so bierernst nehmen, wie wir Deutschen. Ihr Hang zu absurden, skurrilen und eben auch süßen Figuren, Geschichten und Gags ist weitaus ausgeprägter als unserer. Und mal ehrlich: ist das nicht irgendwie sympathisch? 


 

Deutsche und Niedlichkeit

Aber kommen wir zurück zum Titel dieses Beitrags: Seriosität. Genau die scheint nämlich den Deutschen den Spaß an Illustrationen und Character-Design zu verderben. Erwachsene Frauen, die Katzenohren an der Mütze und Bommeln um den Hals tragen und auch noch auf niedlich machen? Klingt merkwürdig… Eine Bank, die mit Seehunden wirbt? Der vertraut man doch nicht sein Geld an.

Damit man eine Geschäftsbeziehung zu einem Dienstleister oder Partner aufbauen kann, muss man ihm erst vertrauen. Das ist nicht ungewöhnlich und sehr sinnvoll. Aber aus irgendeinem Grund setzt dieses Vertrauen für Deutsche eine fast schon sture Ernsthaftigkeit voraus. Dazu kommt ein verzerrtes Bild vom Erwachsensein, das keinen Raum für Niedliches, Buntes oder auch Absurdes lässt. Das ist nämlich gleichbedeutend mit kindisch und davor scheinen viele fast schon panische Angst zu haben. Noch immer werden verspielte Hobbies oft geheim gehalten und es ist peinlich Filme zu mögen, die sich vor allem an Kinder richten. Große Unternehmen, egal ob deutsch oder international, kommen kaum auf die Idee, bei uns illustrativ, bunt oder allzu verrückt zu werben, weil sie so direkt Vertrauen verspielen und man ihnen mit Argwohn begegnet.

Ich arbeite selbst in der Werbung und finde daher diese konservative Haltung besonders schade. Wie gerne würden meine Kollegen und ich mal aus dem Vollen schöpfen und Kampagnen oder Filme machen, die wirklich originell sind. Danach schreit nämlich jeder Kunde, lenkt jedoch sofort ein, wenn er daraufhin etwas präsentiert bekommt, was er so noch nicht gesehen hat. Und wer soll es ihm verdenken, wenn auch seine Zielgruppe derart engstirnig ist?

Mittlerweile neige ich schon selbst dazu, keine illustrativen Entwürfe mehr abzuliefern, ganz einfach weil man dann zu viel zu erklären hat. Denn Deutschland besitzt keine eigene Kultur in diesem Bereich und daher auch keinen allgemein bekannten Code. Stilisierte Mimik und Gestik, die in japanischen, amerikanischen oder auch französischen Illustrationen ganz normal ist, wird bei uns oft nicht verstanden. „Warum schwitzt der so?“ ist eine typische Reaktion auf den Manga-schweißtroofen an der Schläfe, der bekanntlich Peinlichkeit darstellt. Und „Warum hat der ein rotes Kreuz auf der Stirn“ bekomme ich eigentlich immer zu hören, wenn ich in einem Anflug von Übermut Zorn über die pulsierende Ader auf der Stirn verstärken möchte.


 

Warum ist das so?

Ich fürchte, unsere übertriebene Seriosität ist einfach Teil unserer Volksmentalität. Im zweiten Weltkrieg haben die Deutschen die eigene Kulturlandschaft derart leer gefegt, dass die Auswirkungen noch heute in Kunst, Literatur, Musik und Film spürbar sind. Unglaublich viele kreative und begabte Menschen wurden vertrieben, inhaftiert oder Schlimmeres. Andere gingen freiwillig und obwohl das Ganze jetzt schon derart lange her ist, haben wir uns bis heute nicht davon erholt. Unter deutschen Kreativen herrscht die Auffassung, dass man ins Ausland gehen muss, wenn man an wirklich interessanten Projekten arbeiten will. Das bedeutet leider, dass viele, die Spaß an unkonventionellen Ideen haben, diese woanders umsetzen. So ist es kein Wunder, dass hierzulande alles etwas konservativer zugeht.


Characterdesign ist in Japan allgegenwärtig. Das ist übrigens Kumamon, das Maskottchen der Präfektur Kumamoto.
Characterdesign ist in Japan allgegenwärtig. Das ist übrigens Kumamon, das Maskottchen der Präfektur Kumamoto.

Warum es in Japan anders ist

In der japanischen Kunst ging es eigentlich nie um das fotorealistische Kopieren, sondern immer um das stilisierte und abstrahierte Nachahmen und Erweitern der Natur. Außerdem sind Kalligrafie, Tuschemalerei oder Farbholzschnitt allesamt eher zeichnerische Techniken mit starker Betonung der Linie. Optimale Vorraussetzungen also für Illustration und Comic.

Auch ist die Kunst und Literatur voll von Gespenstern, Dämonen und Monstern. Schon seit Urzeiten sind Geister- und Gruselgeschichten beliebt und es gibt unzählige Märchen und Sagen. Diese reiche narrative Tradition erklärt meiner Meinung nach die Leidenschaft der Japaner für fantasievolle Geschichten. Und die unzähligen Naturgottheiten aus dem Shintoismus sind vermutlich die Basis der in Japan so beliebten vermenschlichten Objekte und damit der Character und Maskottchen.

Woher aber kommt die Vorliebe für Niedliches? Wie in eigentlich jedem meiner Beiträge führe ich an dieser Stelle wieder den anstrengenden japanischen Alltag ins Feld. Frauen haben leider noch immer einen schwierigeren Stand in Japan, als Männer. Der geringere Verdienst macht ein völlig unabhängiges Leben schwierig und überhaupt erwartet die Gesellschaft, dass die Frau sich ein Stück weit unterordnet. Mit Kindererziehung, Haushalt und nicht selten auch einer Halbtagsstelle stehen die Frauen meist alleine da, weil der Mann ja permanent arbeitet. Da ist es kaum verwunderlich, dass sich Viele zurück in ihre Kindheit träumen wollen, als alles noch einfacher war und starke Beschützer sie umsorgten. Manche versuchen, sich über ihr Styling wieder dieser Zeit anzunähern, sei es nur für nostalgische Erinnerungen, oder um tatsächlich Beschützerinstinkte bei potentiellen oder tatsächlichen Partnern zu wecken.

Die japanischen Männer sind für diese Versuche auch durchaus empfänglich. Schließlich ist die Beschützerrolle attraktiv, bestärkt sie doch die eigene Männlichkeit und die erwünschte Rangordnung in der Familie.

Abgesehen von all diesen Dingen muss man aber auch ganz klar sagen, dass die Japaner eben eine lebendige, vielfältige und experimentierfreudige Popkultur haben. Dabei kopieren sie allerdings nicht einfach von anderen Ländern, sondern sind im Gegenteil selbst Vorbild. Durch den täglichen Umgang mit dieser Vielfalt sind sie natürlich auch wesentlich aufgeschlossener und haben höhere Ansprüche.


 

Deutschland bleibt langweilig?

Ich erwarte ja gar nicht, dass Deutschland von heute auf morgen eine blühende Film-, Musik-, Literatur- und Kunstlandschaft auf die Beine stellt, die mich auch noch stilistisch befriedigt. Überhaupt muss ja niemand niedlich, bunt und illustriert toll finden, oder meinen Geschmack teilen. Einzig die überhebliche Ablehnung und das eingangs erwähnte Schubladendenken frustrieren mich nachhaltig. Warum ein Erwachsener zwingend nur „Erwachsenes“ mögen muss und wer definiert, was dieses Erwachsene überhaupt sein soll, verschließt sich mir vollständig. Hier wäre, wie in so vielen anderen Bereichen auch, ein Blick über den Tellerrand mehr als angebracht. Denn von mehr Vielfalt würden wir alle profitieren.

2 thoughts on “Seriosität

  1. Dieser Eintrag spukt mir jetzt doch schon einige Tage im Kopf herum…

    Deutschland ist langweilig! Das war sicher nicht immer so, aber unterm Strich trifft’s das aktuell, und das wird mir gerade mal wieder klar. Sehen wir’s wie ‚Classic-Gamer‘: eine geliebte Serie stirbt, also lass‘ sie los und erfreue dich an dem, was sie einmal war ; )

    Aus meiner Sicht als (von dir ja stark beeinflusster) Graphiker kann ich deine Kritik übrigens bestätigen: Kunden wollen Schatten, Plastizität, Farbverläufe… keine Logos, sondern Artwork. Und da spricht man gegen Wände!

    1. Letztendlich ist das ja nur meine und scheinbar auch Deine Auffassung von Langeweile. Wie Du ja weißt, bin ich eher Party-untauglich, was man auch berechtigterweise langweilig finden darf.
      Wichtig ist aber auch das zu akzeptieren, was nicht ins eigene Weltbild passt. Und da finde ich die Scheuklappen hierzulande manchmal unerträglich. Aber das brauche ich Dir ja nicht zu erzählen.
      Bei Grafik wird es dann endgültig schwierig… Die Klammer in Deinem Kommentar freut mich natürlich sehr!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.