Es weihnachtet sehr. Deshalb ist es jetzt auch auf Meister der Roll an der Zeit für den obligatorischen Festtagsartikel, natürlich mit Japanbezug. Wie feiert man das wichtigste Fest der Christen eigentlich in Japan?

Schließlich gibt es dort kaum Christen (nur ein bis zwei Prozent der Japaner). Trotzdem möchte sich die japanische Wirtschaft diese Einnahmequelle natürlich nicht entgehen lassen und hat sich einige typisch japanische Weihnachtstraditionen ausgedacht. Während in Deutschland die Familie zusammenkommt, ist es in Japan im wahrsten Sinne des Wortes das Fest der Liebe. Dort ist es nämlich ein Ereignis für Paare.


 

Kurisumasu Express

Dies geht zurück auf einen sehr erfolgreichen Werbespot von JR (Japan Railway). In diesem Spot wartet eine Frau am winterlichen Bahnhof an Weihnachten auf ihren Partner, der schließlich mit dem Christmas Express-Ticket zu ihr kommt. Der Spot lief von 1988 bis 2000 und festigte die Verbindung von Weihnachten und Liebesbeziehungen in den Köpfen der Japaner.

Heute ist es unglaublich wichtig, an Weihnachten ein Date zu haben und viele Japaner unternehmen erstaunliche Anstrengungen, um an Weihnachten nicht allein sein zu müssen. Denn Singles sollten sich an Heiligabend besser nicht draußen blicken lassen. Wer dann nämlich allein durch die Stadt zieht erregt schnell mitleidige Blicke. Und wer mit gleichgeschlechtlichen Freunden unterwegs ist, hört nicht selten danach Gerüchte über die eigene Homosexualität. Daher bleibt man lieber zu Hause und sieht sich die Comedyshow „Akashiyasanta“ an, die nur an Weihnachten ab 23:00 Uhr im japanischen Fernsehen läuft.


 

Weihnachtsgerichte

Aber was machen die ganzen Paare an Weihnachten? Viele gehen schick essen in französische oder italienische Restaurants. Die meisten holen ihr Essen jedoch bei Kentucky Fried Chicken. Richtig gelesen: Das typische Weihnachtsessen in Japan ist das Kentucky Party Barrel: Verschiedene Hähnchenteile mit Salat und Torte für zwei. Zu Weihnachten ist dieses Menü derart begehrt, dass man es lange Zeit vorbestellen muss und dann trotzdem ewig dafür im Geschäft ansteht. Auch sind die KFCs dann derart überlaufen, dass man nicht dort essen kann, sondern sein Menü mit nach Hause nehmen muss. Viel interessanter ist aber natürlich die Frage, was KFC mit Weihnachten zu tun hat. Hierbei spielt die Weltausstellung in Osaka im Jahr 1970 eine wichtige Rolle. Dort gab es einen Amerika-Stand, der „amerikanische Kultur“ erstmals einem breiteren japanischen Publikum erschloss. Dies löste einen regelrechten Amerikaboom aus. Zufällig beschloss KFC Japan zur gleichen Zeit, als Ersatz für den amerikanischen Festtags-Putenbraten (Putenprodukte sind in Japan selten) ein Menü mit Hähnchen als Festtagsessen zu etablieren. Das Timing war perfekt, waren die Japaner doch ohnehin gierig auf amerikanisches Brauchtum oder zumindest einen adäquaten Ersatz. Und so begab es sich, dass japanische Paare bis heute amerikanisches Fastfood zu Weihnachten essen.

Ein weiteres typisches Weihnachtsessen ist Erdbeersahnetorte. Die weiße Sahne steht nämlich für den Schnee und die rote Erdbeere für Santa Claus. Zumindest war das die Überlegung des Chefs der japanischen Süßwarenfirma Fujiya, als er auf einer Amerikareise feststellte, dass dort viel Erdbeersahnetorte konsumiert wird. 1922 nahm er deshalb Weihnachten zum Anlass, um dieses Dessert auch in Japan zu verbreiten. Das funktionierte wirklich gut und bis heute ist Heiligabend für die Japaner untrennbar mit der Nachspeise verbunden. Es ist eine glückliche Fügung, dass die Farben der Torte nebenbei auch noch shintoistische Glücksfarben sind. Denn zu Neujahr isst man rote und weiße Mochi (Reiskuchen).

Natürlich wird nicht nur gegessen, sondern auch etwas zusammen unternommen. Ähnlich den auffällig und aufwändig mit Lichtern geschmückten Eigenheimen in Amerika, gibt es in Japan vielerorts sogenannte Illuminationen. Öffentliche Plätze, Sehenswürdigkeiten und manchmal auch ganze Straßenzüge werden mal kitschig, mal kunstvoll mit komplexen Lichtinstallationen geschmückt. Manchmal stehen diese Dekorationen die ganze Adventszeit hindurch und sind frei zugänglich, manchmal werden sie aber auch als kostenpflichtiges Event inszeniert. In diesem Fall handelt es sich oft um auf Musik getaktete Lichtshows, die durchaus sehr beeindruckend sein können. Das ist ein weiterer Programmpunkt für viele Paare an Weihnachten.

Von ungefähr 22:00 bis 6:00 Uhr des Folgetages beginnen dann die seinaruhachijikan, die „heiligen acht Stunden“. Man kann die ersten beiden Schriftzeichen aber auch anders lesen. Dann wird der Zeitraum zu „acht Stunden Geschlechtsverkehr“.


 

Der direkte Vergleich zeigt…

Im Großen und Ganzen gibt es bei allen Unterschieden zwischen japanischer und deutscher Weihnacht doch eine große Gemeinsamkeit. In beiden Ländern soll an einem einzigen, genau definierten Tag Glückseligkeit auf nationaler Ebene erzeugt werden. Eigentlich ist allen klar, dass das nicht funktionieren kann und dennoch erzeugt das Ganze einen unglaublichen Druck. Genau wie in Deutschland diejenigen zu Weihnachten schrecklich leiden, die aufgrund unglücklicher Umstände niemanden haben, der mit ihnen feiert, trifft es in Japan die Singles. Denn während Ihnen von allen Seiten das große Glück vorgespielt wird, müssen Sie sich zu Hause verschanzen und sind gezwungen, sich ganz besonders intensiv mit ihrer Einsamkeit auseinander zu setzen. Vorgespielt sage ich deswegen, weil natürlich bei weitem nicht alle, die ein Date abbekommen haben damit auch zwingend glücklich sind. Erstens haben viele dafür Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt und zweitens ebenso viele zwangsläufig teils große Kompromisse gemacht, um nur nicht alleine dazustehen. Die große Liebe schert sich nun mal nicht um Weihnachten. Genauso wenig wie davon zerrüttete Familienverhältnisse plötzlich wieder heil werden, oder sich der Geldbeutel wieder magisch füllt. Natürlich kann Weihnachten auch wirklich Spaß machen, aber es kann einen eben auch hart treffen.

Wir hoffen aber, dass das auf keinen unserer Leser zutrifft und wünschen an dieser Stelle ein frohes Fest!

One thought on “Merii kurisumasu

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