Auf dieser Japanreise ist Hiroshima unsere Heimatbasis. Hier leben Harukas Eltern und vor unseren nächsten Ausflügen können wir hier ein paar Tage verschnaufen, Wäsche waschen, Gepäck auslagern und vor allem nette Menschen treffen.

Das ist bereits mein dritter Besuch in Hiroshima und jedes Mal wenn ich zu Hause davon berichte, ernte ich erschrockene Blicke. Der Abwurf der Atombombe liegt jedoch weit zurück und Hiroshima ist mittlerweile eine Millionenstadt in der die Menschen seit Jahrzehnten ein völlig normales Leben führen. Trinkwasser, Bodenbeschaffenheit und Vegetation werden in Japan regelmäßig ähnlich streng kontrolliert, wie in Deutschland und weisen keine gefährliche Strahlenbelastung auf.

Hiroshima ist die Hauptstadt der gleichnamigen Präfektur und die größte Stadt der Chugoku-Region auf West-Honshu. Auch unter Japanern gilt sie als beliebtes Ausflugsziel: In und um die Stadt finden sich zahllose Sehenswürdigkeiten wie die Burg von Hiroshima oder das berühmte schwimmende Tor vor Miyajima. Außerdem liegt Hiroshima in der Nähe der Seto-Inlandssee. Hier beschreibt die größte japanische Hauptinsel Honshu einen Bogen, in den sich die kleinste Hauptinsel Shikoku schmiegt. Getrennt werden sie von der erwähnten Inlandssee, in der sich zahllose kleine Inseln aneinander reihen und in der es viele verschiedene Fische gibt.


 

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Sozialstudien im Shinonome

Und eben diese Fische führen uns am ersten Abend zusammen mit Harukas Eltern zu Shinonome, einer Art kleiner Sushibar mit Platz für etwa zehn Gäste und nur einem Angestellten, der gleichzeitig der Besitzer ist. Alle Sitze sind um die Theke herum arrangiert, wo eine Vitrine die aktuellen Fisch-Spezialitäten zeigt, die der Besitzer auf Wunsch vor den Augen seiner Gäste zubereitet. Dabei scherzt und schwatzt er mit den Anwesenden, empfiehlt saisonale Besonderheiten und packt auch mal exotische Speisen aus – in unserem Fall die übriggebliebenen Fangarme von Shako, einer Unterart der Garnele.

Das Essen ist fantastisch und die Atmosphäre toll. Was den Abend jedoch unvergesslich macht, sind die anderen Gäste: Ein Psychotherapeut um die dreißig mit seinem privaten Englischlehrer, einem Briten. Der Englischunterricht an japanischen Schulen ist wirklich schlecht und Englisch ist, wie bereits in anderen Beiträgen erwähnt, eine Art nationales Trauma in Japan. Daher nehmen Viele privaten Zusatzunterricht und zwar am liebsten bei Muttersprachlern. Für Englisch-Kundige, die in Japan leben, ist das eine attraktive Einnahmequelle, so auch für den Engländer, der an diesem Abend seinen Abschied von Hiroshima und damit das Ende des Englisch-Unterrichts mit dem Psychotherapeuten begießen will.

Dementsprechend hat der Japaner schon kräftig getankt und gröhlt in wechselnder Lautstärke und gebrochenem Englisch immer wieder einige Satzteile in Richtung seines Lehrers, die dieser charmant und geduldig interpretiert und verbessert. Mit jedem weiteren Bier lassen seine sprachlichen Fähigkeiten jedoch spürbar nach, weshalb er den Engländer irgendwann gar nicht mehr versteht und sich hilfesuchend an Harukas Vater wendet, der nur einen Platz weiter sitzt. Dieser kann zu seinem Unglück ausgezeichnet Englisch und begeht den Fehler, hilfsbereit zu übersetzen.

Das versetzt den Psychotherapeuten in schiere Begeisterungsstürme: Im Sekundentakt packt er in tiefer Rührung die Hand von Harukas Vater, um seine Bewunderung und innige Freundschaft zu betonen. Irgendwann ergibt sich aus dem Gespräch, dass beide die gleiche Schule besucht haben, was seine Euphorie auf ein ganz neues Level bringt. Jetzt beschließt er seinen Chef anzurufen, damit auch dieser vorbeikommen und den erstaunlichen Zufall mitfeiern kann. Die Meinung der übrigen Gäste, dass sein Chef so einen Anruf um 22:00 Uhr vielleicht nicht so erfreulich findet, beeindruckt ihn dabei wenig.

Nachdem der Chef sich auch nach dem zweiten Anruf nicht dazu überreden lässt vorbeizukommen, verliert der Psychotherapeut das Interesse am Telefonieren und wendet sich stattdessen mir zu. Dabei kommt ein Phänomen zum Vorschein, das ich schon unzählige Male in Japan erlebt habe: Manche Japaner weigern sich beharrlich, mit Ausländern japanisch zu sprechen. Manchmal wollen sie einfach Ihre Englischkenntnisse demonstrieren, aber manchmal (wie in diesem Fall) sprengt es auch Ihre Vorstellung, dass andere Nationalitäten japanisch beherrschen. So will der Psychotherapeut ständig Beweise für meine Japanischkenntnisse, obwohl ich schon die ganze Zeit für alle Anwesenden deutlich hörbar mit Harukas Familie und dem Wirt auf japanisch gesprochen hatte. Und natürlich fordert er diese Beweise auf Englisch ein. Wohlweislich auf japanisch sagt er dagegen, dass er seiner Tochter niemals einen ausländischen Freund verzeihen würde.

Nichtsdestotrotz ist die Nacht noch lang, laut und fröhlich. Irgendwann nachdem der Psychotherapeut sein drittes Bier verschüttet und zum wiederholten Mal in seiner ureigenen Mischung aus Japanisch und Englisch geblökt hat, dass er reich und ein Genie ist, verfrachten wir ihn in ein Taxi und machen uns ebenfalls auf den Rückweg. In sehr positiver Erinnerung ist mir geblieben, wie geduldig und sogar fröhlich besonders Harukas Eltern mit dem Betrunkenen umgegangen sind. Niemals schienen sie genervt oder peinlich berührt und obwohl mich unter normalen Umständen Vieles am Verhalten des Japaners gestört hätte war die Stimmung so ausgelassen und fröhlich, dass mir der Abend in durch und durch guter Erinnerung geblieben ist.


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Kaiten Sushi

Die Tage in Hiroshima haben wir sehr entspannt und ohne viel Sightseeing verbracht. Daher gibt es ansonsten nicht so viel zu berichten, außer dem Mittagessen von Tag 2. Auch in Deutschland kennt man natürlich längst Sushi auf dem Fließband, aber obwohl ich auch in Japan schon oft Kaiten Sushi gegessen habe, hat mich der Besuch der Kaiten Sushi-Kette Kurazushi wirklich erstaunt. Hier sitzt man nicht auf Barhockern um ein überschaubares Fließband um die Theke. Stattdessen sitzt man an einzelnen Tischen für vier bis sechs Personen, an deren Kopfende das gigantische Fließband entlangläuft. Darauf gibt es Sushi unter Plastikkuppeln, die ohne Übung erstaunlich schwer zu öffnen sind. Die leeren Tellerchen sammelt man nicht am Tisch, sondern wirft sie in einen Schlitz am Kopfende des Tisches, wo sie elektronisch erfasst werden. Manchmal startet beim Einwurf eine kleine Animation auf dem Bildschirm über dem Laufband. Jetzt kann man mit etwas Glück ein Spielzeug gewinnen, dass dann aus einem Kapselautomaten hoch über dem Tisch zum Gewinner rollt. Der Bildschirm ist ein Touchscreen, über den man auch Bestellungen aufgeben kann. Diese bringt nicht etwa ein Angestellter an den Tisch. Stattdessen kommen die Bestellungen über ein zweites Laufband über dem „allgemeinen“ zum Besteller. Japan – Technikwunderland…

5 thoughts on “Hiroshima 27. – 29. 2. 2016

  1. Hahaha! Wunderbar!

    …und Kaitenzushi 2.0, wie? Ich hoffe aber doch, ihr habt euch in Hiroshima auch Okonomiyaki gegönnt! Oh, jetzt bin ich hungrig…

    1. Wir wollten eigentlich ein Okonomiyaki-Restaurant besuchen, aber das war leider geschlossen…
      Ab 07. März kommen wir von Shikoku nach Hiroshima zurück. Dann versuchen wir nochmal in diesem Restaurant Okonomiyaki zu essen;)

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