Mit dem Bus geht es von Hiroshima nach Matsue, der Hauptstadt der Präfektur Shimane. Busreisen sind in Japan erstaunlich komfortabel und da die Zugverbindung zwischen Hiroshima und Shimane etwas umständlich ist, ist es auf diesem Weg angenehmer.

In Matsue leben Harukas Grosseltern, mit denen wir bereits 2014 Neujahr gefeiert haben. Da sie ein traditionelles japanisches Haus besitzen, können wir äußerst luxuriös im Tatamizimmer übernachten. Harukas Grosseltern sind herzensgute und sehr aufgeschlossene Menschen, die sich erstaunlicherweise gar nicht an der Tatsache stören, dass ich Ausländer bin und stattdessen sehr interessiert alles Mögliche über Deutschland erfahren wollen. Die Grossmutter ist eine phantastische Köchin, die alle Gäste beständig mit verschiedensten Köstlichkeiten versorgt und keinen Teller jemals leer werden lässt.

CIMG1609

Bei meinem ersten Besuch habe ich mich daher regelrecht überfressen, denn meine deutsche Erziehung sagt mir, dass ich meinen Teller leer essen muss. Sobald ich das jedoch hat Harukas Grossmutter auch schon Nachschub aufgeladen und dabei spielt es keine Rolle, wieviele Teller ich davor bereits geleert habe. Das ist die unglaubliche japanische Gastfreundschaft: Ein leerer Teller bedeutet, dass ich nicht versorgt bin und es ist einfach höflich, nicht darauf zu warten, dass ich um mehr bitte. Schließlich könnte ich mich das aus Bescheidenheit nicht trauen.

Was also tun, um nicht zu platzen? Meine Taktik ist, auf jedem Tellerchen und Schälchen einen winzig kleinen Rest übrig zu lassen, sobald ich mich satt gegessen habe. Erst wenn der Tisch abgeräumt wird, esse ich die letzten Bissen.


CIMG1693

Noch mehr Schnee

Mit unserem Besuch in Kanazawa haben wir uns ja bereits nach Yukiguni vorgewagt, mit Matsue besuchen wir einen weiteren Teil der schneereichen Region. Bereits am Abend des ersten Tages fällt Schnee, am Morgen ist Matsue weiß. Das hält uns aber nicht vom Sightseeing ab. Unser erstes Ziel ist das Schloß von Matsue. Schon von weitem kann man den befestigten Schlossberg mit den Wachtürmen sehen. Durch verschneite Gärten geht es über viele Stufen bis zum mehr als 30 Meter hohen Bauwerk. In den unbeheizten Innenräumen aus massiven Holzbalken sind alte Samurairüstungen, antikes Geschirr und Waffen ausgestellt. Vom obersten Stockwerk aus kann man ganz Matsue überblicken. Allerdings ist das Schneegestöber so dicht, dass die Sicht kaum bis zum Shinjiko reicht (Einer der beiden riesigen Seen, die Matsue flankieren).


Horikawa meguri

Vom Burggraben aus kann man mit kleinen Booten das Schloß umrunden und anschließend über den Fluss Hori durch die Stadt schippern. Da die Brücken, unter denen wir dabei hindurchfahren, sehr niedrig sind, kann man das Dach der Boote so tief absenken, dass die Insassen sich flach über die Kotatsu kauern müssen um sich nicht den Kopf zu stoßen. Kotatsu sind beheizte, komplett mit einer dicken Decke bedeckte Tische, die in den unbeheizten japanischen Innenräumen für Wärme sorgen. Jetzt, auf den kleinen Booten im Schneesturm, bieten sie zusammen mit dem Dach perfekten Schutz vor der Kälte. 50 min dauert die Bootsfahrt um das Schloß und durch die Stadt.


CIMG1755

Meimeian

Fumai Matsudeira, ein Adeliger aus Matsue, liebte die Teezeremonie und entwickelte nicht nur seinen eigen Stil, sondern erbaute auch insgesamt 11 Teehäuser in der Stadt. Das Meimeian liegt nur wenige Minuten Fußweg vom Schloß entfernt und besteht aus einem kleinen Garten, den ursprünglichen Räumlichkeiten und einem neuen Gebäude, in dem man auch heute noch die Teezeremonie abhalten kann.

Ich persönlich versuche Teezeremonien in Japan immer zu vermeiden, weil ich schon in Deutschland Probleme mit dem Knigge habe. In Japan gibt es ohnehin schon genug Fettnäpfchen zu umschiffen, da muss ich mich nicht auch noch den Fallstricken einer jahrhundertealten Tradition aussetzen. Leider haben wir erst nach dem Ticketkauf bemerkt, dass die Zeremonie integraler Bestandteil des Besuches ist und irgendwann gibt es dann kein Zurück mehr…

Hier also eine kurze Einführung in die Teezeremonie. Da mein Wissen darüber ziemlich beschränkt ist bitte ich um Ergänzung und Korrektur wo nötig. Bei der Teezeremonie geht es darum, über das Servieren von Tee im entsprechenden Ambiente und über angemessene Dekoration und Accessoires die Jahreszeiten zu vergegenwärtigen und zu genießen. In einem Tatamizimmer mit Ausblick auf einen Garten und/oder Dekoration (Kalligrafie, Ikebana oder ein Gemälde), die der Jahreszeit entspricht, serviert ein Gastgeber in traditioneller Kleidung mit Farben und Mustern passend zur Jahreszeit Macha. Macha ist grüner Tee aus zerriebenen Teeblättern, die mit heißem Wasser aufgegossen werden. Auch die Teeschale wird je nach Jahreszeit gewählt und es gibt strenge Regeln, wer die Schale wann wie halten, drehen und betrachten muss… Vermutlich habe ich spätestens da schon alles falsch gemacht, aber mein Ausländerbonus und die zum Glück recht lockere Atmosphäre vor Ort haben mich vor strengen Blicken bewahrt. Zum Tee gibt es japanische Süßigkeiten, oft mit Mochi (Reiskuchen) oder An (gesüßtes Muß aus roten Bohnen), die einen ausgezeichneten geschmacklichen Kontrast zum bitteren Tee bieten.

Langer Rede kurzer Sinn: Alles halb so wild und eine schöne Erfahrung.


CIMG1870

Daikonjima

Am nächsten Tag besuchen wir die Seen um Matsue. Der Shinjiko belegt Platz 7 im Ranking der größten japanischen Seen, der Nakaumi sogar Platz 5. Der Nakaumi ist mit dem Meer verbunden, hat aber dennoch einen sehr geringen Salzgehalt. Ziemlich in der Mitte des Sees liegt Daikonjima, eine große Insel auf der es neben einem Dorf auch den Yushien gibt. Das ist eine große japanische Gartenanlage mit Seen, Brücken, Wasserfällen, Gewächshäusern und Steingarten. Neben seltenen Blumen wird hier auch Ginseng gezüchtet.

CIMG1970

Nach unserem Besuch im Garten schlendern wir noch ein wenig an der Küste entlang. Flaches Land ist in Japan wirklich selten, stattdessen dominieren Hügel und Berge das Landschaftsbild. Besonders um den riesigen See herum ergeben sich so zahllose herrliche Ausblicke, die auf einer Pistkarte keine schlechte Fugur machen würden.

Am Abend feiern wir noch den Geburtstag von Harukas Grossvater und während ich diese Zeilen schreibe sitzen wir auch schon wieder im Zug nach Tokushima auf Shikoku, der kleinsten japanischen Hauptinsel, wo wir die nächsten 5 Tage verbringen werden.

4 thoughts on “Matsue 29. 2. – 3. 3. 2016

  1. Clevere Essensstrategie! Ach hätten wir das doch seinerzeit in Kyoto schon so gehandhabt – ich glaube ich habe heute noch subkutane postprandial-Risse im Oberbauch!

    Soweit ich weiß sind die Teezeremonie und deren Themenfelder so komplex, dass man sie im Leben nicht überreißen könnte. Wirklich interessant finde ich in deren Zusammenhang die pragmatisch-symbolische Umsetzung der vollkommenen Gleichheit aller Beteiligten: die Eingangstür ist zumeist so niedrig, dass man sich beim Durchqueren tief bücken muss, und zwar ganz gleich, ob man auf hohem Rosse anritt oder in löchrigen Schuhen herschlurfte… Hierarchien existieren nicht in der Teezeremonie.

    Ihr kommt rum! Erwähnte ich schon, wie sehr ich euch beneide?
    Und dann auch noch Shikoku, das ist jetzt nicht mehr fair… aber Achtung: die 88 Tempel schafft ihr womöglich nicht, und das ist okay, aber ihr dürft die Insel auf keinen Fall verlassen, ohne in den Bergen Takamatsus Udon gegessen zu haben!!!

    1. Jetzt ist Shikoku schon wieder rum ums Eck… Und die 88 Tempel haben wir auch nicht geschafft. Die Zeit verfliegt, aber das kennst Du ja selbst.

      Udon haben wir aber mehrfach gegessen. Zwar nicht in den Bergen, dafür aber in Takamatsu.

  2. Hallo Ihr Beiden,
    endlich habe ich Zeit, die Reiseberichte zu lesen. Ich finde alles total interessant.
    Die Landschaftsfotos in diesem Abschnitt sind einfach toll und ich hoffe auf Abzüge in Papierform.

    Eines muss ich jedoch noch anmerken: ich weiss nicht wer Andreas dazu erzogen hat, seinen Teller leer zu essen. Sein Vater und ich waren es jedenfalls nicht.

    Eva

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.