Mit der Seto Ohashi Linie geht es über die Seto-Brücke von Honshu über die Inlandssee nach Shikoku. Lange Zeit versuche ich, dieses einmalige Erlebnis auf ein Foto zu bannen, muss aber irgendwann frustriert aufgeben. Die Größe der Konstruktion kommt auf den Bildern einfach nicht rüber…

Die Brücke führt über fünf kleine Inseln auf einer Gesamtlänge von 13,1 km, über 9000 m davon auf dem Meer. Sie ist durchgängig zweistöckig: Oben gibt es eine vierspurige Autobahn, unten fährt der Zug. Insgesamt 13 m ist die Konstruktion hoch und wird von allen Seiten von kleinen Inseln umrahmt. Ab und zu überholen wir kleine Boote, aber auch große Frachtschiffe. Ganze 15 min dauert die Überfahrt, dann sind wir auf Shikoku.

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Es ist mein erster Besuch auf der kleinsten der vier japanischen Hauptinseln. Der Name besteht aus den Schriftzeichen für „vier“ und „Land“. Denn wo es hier früher vier Provinzen gab, gibt es heute vier Präfekturen, nämlich Ehime, Kagawa, Tokushima und Kochi. Ungefähr vier Millionen Einwohner leben auf gut 18.000 Quadratkilometern. Die meisten davon sind im Norden angesiedelt, wo auch alle größeren Städte liegen, da der Süden mit seinen zahlreichen Bergen weniger Wohnraum bietet.


Am Pazifik

Unsere erste Station führt uns an die Ostküste Shikokus in die Hauptstadt der gleichnamigen Präfektur Tokushima. Mittlerweile ist es März und da wir schon weit im Süden sind, ist es unter unseren Winterklamotten viel zu heiß. Das Thermometer klettert bei strahlendem Sonnenschein auf 14 Grad.

Südwestlich des Zentrums, wenige Meter von unserem Hotel entfernt, liegt der Bisan. Eine Seilbahn führt auf den kleinen Berg, von dem aus man an klaren Tagen bis nach Honshu sehen kann. Außerdem gibt es auf der Spitze eine kleine Pagode im myanmarschen Baustil, in der Knochen von Buddha liegen sollen.

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Oboke

Der zweite Tag führt uns ins Gebirge. Mit dem Zug fahren wir nach Awaikeda. Abseits vereinzelter Hügel bewegen wir uns lange durch flaches, dicht besiedeltes Land. Erst kurz vor unserem Ziel sehen wir die ersten paar Berge. Fast bin ich ein wenig enttäuscht, aber ich ahne auch noch nicht, was als nächstes kommt. Von Awaikeda geht es eine gute Stunde lang mit dem Bus weiter und diese Fahrt ist schlicht spektakulär. Vorbei an tiefen Schluchten über sich endlos dahinschlängelnde Serpentinen und Haarnadelkurven arbeitet sich der Bus immer tiefer ins Gebirge. Die Straße ist teilweise so schmal, das man von den Seitenfenstern aus weder Asphalt noch Brüstung sieht, sondern direkt in den Abgrund blickt.

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Ein mal passieren wir ein kleines Dorf aus wenigen Häusern. Wo normale japanische Städte schon das Maximum aus dem verfügbaren Platz herauszuholen scheinen, bleibt hier kein Quadratzentimeter ungenutzt. Direkt an den der Straße zugewandten Hauswänden stehen große Gasflaschen, deren Schläuche in den Wänden verschwinden. In steilen Bambushainen sind Wassertanks in den Hang verschraubt, Gehsteige sucht man vergeblich und die Straße ist einspurig mit sporadischen Verbreiterungen zum Ausweichen. Auch die winzigen Siedlungen, die man immer wieder in der Ferne und in schwindelerregender Höhe sehen kann, sind extrem kompakt auf dem wenigen verfügbaren Platz in die Abhänge gebaut. Es scheint kein leichtes Leben im Oboke-Gebirge und auch unser Busfahrer hat einen anspruchsvollen Arbeitsplatz gewählt. Denn während ich immer wieder verzweifelt versuche, die spektakulären Panoramen auf Foto festzuhalten, werden wir von den permanent scharf abknickenden Kurven und plötzlichen Bremsmanövern ordentlich herumgeworfen.

Die Straße verläuft jetzt parallel zum tief unter uns fließenden Yoshinogawa. Der Fluß ist geradezu übertrieben saphirblau und sogar aus unserer luftigen Höhe können wir den Grund des kristallklaren Gewässers sehen. Wir sind unserem Ziel jetzt schon recht nahe und passieren den Shonbenkoso. Das ist die Statue eines kleinen Jungen, der am Rand der Schlucht steht und in die Tiefe pinkelt. Angeblich haben zahlreiche Mutproben an dieser Stelle zur Errichtung der Statue geführt.


 

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Kazurabashi

Nachdem wir an einem Ryokan (ein traditionelles japanisches Gasthaus) direkt an der Schlucht vorbeigefahren sind, verkündet die immer gleiche Frauenstimme vom Tonband, dass wir uns der Endstation nähern: Kazurabashi.

Hierhin soll sich der Feldherr Heike zurückgezogen haben, nachdem er die Schlacht gegen seinen Gegner Genji verloren hatte, um seine Truppen wieder aufzubauen. Dementsprechend abgelegen und versteckt liegt die Kazura-Brücke. Damit Sie bei einem Angriff Genjis schnell zerstört werden kann, wurde sie aus Schlingpflanzen gebaut. Und dennoch steht sie noch heute und ermöglicht direkt neben einer neuen, modernen Brücke die Überquerung des Yoshinogawa.

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Hat man die wackelige aber äußerst robuste Konstruktion bezwungen kommt man nach einem verfallenen Nudelrestaurant an einen riesigen Wasserfall, den Biwa no taki. Hier sollen Heikes verbliebene Truppen zum Andenken an ihre gefallenen Kameraden die Biwa, ein klassisches japanisches Saiteninstrument, gespielt haben. Das Wasser des gewaltigen Wasserfalls sammelt sich zunächst in einem unglaublich klaren Becken und fließt von da aus in zahlreichen kleineren Fällen in den Yoshinogawa.

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Das Flussbett ist vollständig mit riesigen Sandsteinen gesäumt. Diese sind nicht etwa von oben in die Schlucht gefallen, sondern aufgrund des gewaltigen Drucks bei der Verschiebung der Platten von unten an die Oberfläche gedrückt worden. Das ist auch der Grund für Ihre bizarren, oft wellenartigen Formen.


 

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Auf dem Yoshinogawa

Nach einer kurzen Busfahrt gelangen wir zum Oboke Yuransen. Mit kleinen Booten kann man hier den tiefsten Abschnitt des Yoshinogawa befahren. Etwa 40 min lang fahren wir an bizarren Felsformationen vorbei durch die Schlucht. Über uns fahren vereinzelt Autos und Züge auf den schmalen Strassen entlang. Immer wieder verschwinden sie im Berg, bis sie irgendwann gar nicht mehr zu sehen sind.

Nach der Bootsfahrt laufen wir etwa 5 km am Fluss entlang bis zum nächsten Bahnhof, von dem aus wir nach Tokushima zurückkehren.


Naruto Uzu no michi

Am nächsten Tag brechen wir früh auf, denn wir wollen Uzushio sehen. Das sind kleine und große Strudel im Meer, die entstehen, weil zwei entgegengesetzte Strömungen in der Meerenge unter der Onaruto Brücke aufeinander treffen. Schon von weitem sehen wir vom Bus aus die riesige Brücke. Da die Strudel von Ebbe und Flut abhängig sind, gibt es ein enges Zeitfenster, während dem man sie gut sehen kann. Kurz nach Neun Uhr sind die Strömungen am stärksten.

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Auf dem Meer sind bereits unzählige Touristenboote unterwegs, die die Massen so nahe wie möglich an die Strudel bringen. Wir wollen jedoch nicht Schiff fahren und lassen die Anleger hinter uns. Statt dessen gehen wir weiter zur Onaruto Brücke. Denn unter der Fahrbahn, direkt über den Strudeln gibt es über die gesamte Brückenlänge den Uzu no michi. Hier kann man durch zahlreiche Fenster im Boden und Aussichtsplattformen von weit oben auf die Strudel blicken.

Als wir ankommen ist es schon kurz nach neun und um uns herum beginnen die ersten Leute zu rennen, um den optimalen Moment nicht zu verpassen. Wir eilen Ihnen hinterher bis etwa zur Mitte der Brücke und tatsächlich schäumt und brodelt das Wasser tief unter uns bereits dramatisch. Wo die Wassermassen aufeinander treffen scheint es zu kochen aber keine Spur von Strudeln. Wir bewegen uns etwas weiter von der Brückenmitte weg, wo auch mehr Menschen stehen und endlich sehen wir es. Hier an den Rändern der Ströme verknoten sich die Fluten regelrecht ineinander. Unzählige große und kleine Löcher reißen in der Wasseroberfläche auf und treiben kurze Zeit unter der Brücke hindurch bevor sie wieder verschwinden. Nach etwa 20 min werden es langsam weniger bis man nur noch vereinzelt sehr kleine Strudel sieht.

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Wir ziehen weiter und nach dem Mittagessen mit Blick auf die Brücke sitzen wir auch schon wieder im Zug auf dem Weg zu unserem nächsten Ziel: Takamatsu.

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3 thoughts on “Tokushima 3. 3. – 5. 3. 2016

  1. Fantastisch! Shikoku, die „wilde Insel“! Sie hat doch eine ganz besondere Ausstrahlung, nirgendwo, so kommt es einem vor, mag man „mehr Natur auf engem Raum“ finden, die steilen Gebirge, vollständig bewachsen, undurchdringlich… und die sagenumwobenen naruto-Strudel, einfach faszinierend! Was für ein Phänomen, und zeitlich so exakt!

    Aber den Vogel schießt ihr ab mit euerem Ausflug nach Kazurabashi, denn damit löst ihr den für mich größtmöglichen Nostalgie-Flash überhaupt aus: meine erste Reise nach Japan (und gleichzeitig mein bisher einziger Trip auf Shikoku) führte mich genau über diese Hängebrücke. Das ist jetzt fast 13 Jahre her… man muss doch einen kleinen Obolus entrichten, um überqueren zu dürfen, richtig? Ich dachte mir seinerzeit noch, dass man eigentlich dafür bezahlt werden sollte… aber was für ein Erlebnis! Wir fuhren mit dem Auto hin und ich erinnere mich sehr gut daran, dass der Fahrer in den engen, kurvenreichen Bergpässen permanent die Reifen zum quietschen brachte, fuuuuh…
    Nur eins: die Brücke wird regelmäßig (alle drei Jahre) komplett neu errichtet, was immer ein schwieriges und spektakuläres Unterfangen sein soll. Zu gerne wäre ich einmal dabei!

    Was für eine Freude, euere Reise auf diesem Weg verfolgen zu können! Ich kann den nächsten Beitrag kaum erwarten!

    1. Ob Du es glaubst, oder nicht: Ich habe mir beim Schreiben noch gedacht, ich muss Haruka fragen, ob ich das so sagen kann, habs dann aber doch vergessen. Daher vielen Dank für die Berichtigung in Hinblick auf den Bauzyklus der Brücke. Ich werde das auch noch im Text berichtigen.

      Du bist aber auch schon extrem herumgekommen! Dass Du in Shikoku auch schon warst, war mir gar nicht bewusst.

      In zwei Tagen bin ich auch schon wieder in Deutschland… Aber da Haruka diesmal mit zurück fliegt, ist das nicht ganz so bitter wie letztes Jahr. Selbstverständlich ist es aber jedes Mal zu früh!

  2. Wie in Japan doch die Zeit rast… ooh, aber was ihr diesmal aber alles mitnehmt! Und wir freuen uns auf euch und viele neue Geschichten : )

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