Unsere vorletzte Etappe auf Shikoku heißt Takamatsu. Die Hauptstadt der Präfektur Kagawa liegt direkt an der Seto Inlandsee. Vor der Fertigstellung der Seto-Brücke war sie ein wichtiger Fährhafen für Reisende zwischen Honshu und Shikoku.

Hier sind die Straßen breiter und es gibt echte Gehsteige. Die Stadt erscheint aufgeräumter als andere japanische Großstädte. Das kommt daher, dass 78 % des Gebäudebestands im zweiten Weltkrieg den Bomben zum Opfer fiel und die Stadt beim Wiederaufbau ordentlich durchgeplant wurde.


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Gartenkunst

Unser erstes Ziel hier ist der Ritsurin Koen. Der riesige Garten existiert seit Jahrhunderten und erstreckt sich über 750.000 Quadratmeter. Da wir erst nachmittags in Takamatsu ankommen, beginnt es schon zu dämmern, als wir den Garten erreichen. Die Zeit reicht zwar nicht mehr ganz aus um alles zu sehen, dafür haben wir das Gelände fast für uns allein.

Besonders beeindruckend ist hier die „shakkei“ genannte japanische Gartenbautechnik: Teile der den Garten umgebenden Natur werden in die Gestaltung mit einbezogen. So verschmilzt der im Westen außerhalb des Parks gelegene Berg Shiun mit der Gartenszenerie zu raffiniert arrangierten Landschaften. Daneben gibt es zahlreiche Flüsse, Seen und Teiche voller Koi, kunstvolle Brücken und vor allem die sogenannten Hakomatsu: Bei diesen schwarzen Pinien werden nicht nur die Äste und der Stamm behutsam über lange Zeit in erstaunliche geometrische Formen gebogen. Auch die einzelnen Nadeln sind in mühevoller Kleinarbeit ästhetisch ansprechend ausgerichtet.


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Reislos in Takamatsu

Nach unserer Tour durch den Park gehen wir in einem nahe gelegenen kleinen Lokal Udon essen. In der Region um Takamatsu fällt nur selten Regen, was den Reisanbau erschwert. Deshalb findet sich das japanische Grundnahrungsmittel Nummer eins hier seltener auf dem Speiseplan als im Rest des Landes. Dafür lässt sich Weizen in der Region vergleichsweise einfach anbauen und da Japaner selten Brot essen, verarbeiten sie Weizen zur lokalen Spezialität Udon.

Natürlich gibt es die dicken Weizennudeln überall in Japan in verschiedensten Variationen, um Takamatsu herum sind sie jedoch noch vielfältiger und besonders lecker. Da Haruka japanische Nudeln und vor allem Udon liebt, werden wir dieses Gericht in unserer Zeit in Kagawa ganze vier Mal essen. In gerade mal eineinhalb Tagen. Doch damit nicht genug: Ihre Leidenschaft für dieses Gericht wird uns sogar an der Nakano Udon Schule graduieren lassen, doch dazu später mehr.


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Wie die Hunde

Am nächsten Tag fahren wir mit der Kotoden-Bahnlinie nach Kotohira. Das Bahnnetz ist in Japan privatisiert, weshalb es neben der größten Eisenbahngesellschaft JR noch unzählige regionale Linien gibt. Kotoden ist eine davon und hat zum Zeitpunkt unserer Reise gerade eine Cross-Promo-Aktion mit der Geldkarte Iruca. Deren Maskottchen, ein blauer Delfin, macht den gesamten Zug zu einem fahrenden Bilderbuch und sitzt sogar als lebensgroßes Stofftier im Abteil. Über der Dreier-Sitzreihe, von der die massive Figur noch etwa eineinhalb Sitze übrig lässt, hängt ein Schild, dass freundlich darauf hinweist, diese Sitze auch wirklich zu dritt zu nutzen. Witzig.

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Nach einer guten Stunde Zugfahrt erreichen wir das kleine Dörfchen Kotohira am Fuße des Berges Zozu. 785 Steinstufen führen zum Hauptschrein des Konpira-Tempels, der in 521 m Höhe liegt – mein heutiges Hauptziel. Harukas Hauptziel liegt in entgegengesetzter Richtung am Fuße des Berges und beschert uns im weiteren Verlauf des Tages noch ein wenig Sport: Am Nachmittag hat sie für uns einen Udon-Kochkurs in der Nakano-Nudelschule gebucht. Den wollen wir natürlich nicht verpassen, aber ich will auch unbedingt die Stufen bezwingen. Die Lösung ist so einfach wie anstrengend: Wir laufen die Stufen etwas schneller hinauf und rennen sie später wieder hinunter.

Der Weg zur Spitze ist tatsächlich recht anstrengend, aber auch wirklich spektakulär. Für Japaner ist diese Strecke ein Pilgerweg und seine Bewältigung verspricht göttliche Gunst. Da Japaner in Glaubensangelegenheiten oft einen erstaunlichen Pragmatismus an den Tag legen ist es jedoch gar nicht so wichtig, den Weg selbst zu bestreiten. In der Edo-Zeit ließ man manchmal Hunde die Arbeit erledigen, sogenannte Konpira Inu. Diese Hunde trugen Taschen mit der Aufschrift „Konpira-Besuch“, in denen sich neben dem Namen des Herrn auch immer etwas Geld fand, von dem andere Pilger Futter für das Tier kaufen konnten. Außerdem trugen sie eine Spende für den Tempel mit sich.

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Wir gehen jedoch lieber selbst und werden dafür mit Alleen aus Steinlaternen, erstaunlichen Tempelkonstruktionen, heiligen Pferden und imposanten Toren belohnt. Jeder Blick auf die Uhr lässt uns jedoch etwas schneller werden und unterwegs ist nicht immer klar ob es wirklich Sinn macht weiterzugehen. Schließlich müssen wir den gleichen Weg wieder zurück, um unser Nudel-Examen abzulegen. Auf jede Treppe folgt eine Weitere und nach jedem Plateau folgt auch unumstößlich noch ein Aufstieg.

Wir wollen beinahe umkehren, als wir endlich ein echtes Ende der Treppen zu sehen glauben. Und tatsächlich bringt uns ein letzter Kraftakt zur Aussichtsplattform am Hauptschrein. Japan bietet unzählige Möglichkeiten, das Land von oben zu sehen, allerdings meistens in Großstädten. Egal ob Tokyo, Osaka, Chiba oder Kyoto – die Ausblicke auf die Häusermeere sind beeindruckend aber ähnlich. Hier vor dem Hauptschrein des Konpira bietet sich mir jedoch ein gänzlich anderes Bild: Die ferne Landschaft unter mir sieht aus wie Patchwork. Die winzigen Dörfchen werden durch weite Felder und hohe Berge voneinander getrennt. Statt dicht gedrängten Gebäuden klaffen große grüne Lücken zwischen den Betonklötzen und Holzkästen. Hier zeigt sich deutlich, dass Shikoku durchaus anders als die Hauptinsel aussieht.

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Wir sind jedenfalls froh, nicht aufgegeben zu haben. Ein Blick auf die Uhr zeigt jedoch, dass wir uns die Landschaft etwas zu lange angesehen haben. Für den Abstieg bleibt uns noch eine knappe halbe Stunde.


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Die Nudelschule

Völlig außer Atem, aber gerade noch rechtzeitig erreichen wir unseren Udon-Kurs. Die Nakono Udon Gako betritt man durch einen Udon-Laden. Von hier werden wir in den Anbau geschickt. Nach einigen weiteren Stufen sind wir schließlich in unserem Klassenzimmer. Mit uns nehmen etwa 40 weitere Japaner am Unterricht teil. Ich bin der einzige Ausländer und die überwiegende Mehrheit der „Schüler“ ist weiblich. Vereinzelt sind Männer mit Freundin oder Familie gekommen.

Nach einer kurzen Einführung über die Veränderung des Teigmischverhältnisses in den verschiedenen Jahreszeiten geht es auch schon los: Wir mischen Mehl und Salzwasser und bestimmen einen Leader und einen Supporter in unseren Zweiergrüppchen. Als überforderter Deutscher melde ich mich freiwillig als Support, nicht ahnend, dass ich gerade Haruka alle schweren körperlichen Arbeiten überlassen habe, aber nachträglich hoffe ich auf Verständnis wegen meinem Ausländer-Bonus.

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Zunächst vermengen wir Mehl und Salzwasser abwechselnd locker mit den Fingerspitzen, bis wir eine Schüssel voller Bröckchen haben. Dann muss der Leader kneten, was ganz schön anstrengend ist. Der Supporter… unterstützt. Mental. Anschließend kommt der Teig in eine feste Plastiktüte. Der Leader zieht die Schuhe aus und tanzt zu lauter Technomusik darauf herum. Der Supporter… unterstützt. Mit einem Tamburin (wirklich wahr…). Nach einem vollständigen schweißtreibenden Song ist endlich die große Stunde des Supporter: Jetzt muss ich tanzen. Danach ist tatsächlich noch mal Haruka dran, was mir sehr peinlich ist. Doch irgendwann ist der Teig endlich fertig.

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Jetzt müsste er erst einmal lange Zeit ziehen, aber wir bekommen stattdessen vorbereiteten Teig und dürfen unsere Kunstwerke mitnehmen. Mit Rundhölzern walzen wir den fertigen Teig auf einer rechteckigen Fläche aus. Dann wird er zwei Mal gefaltet und in Streifen geschnitten. Unsere Udon sind fertig.

Weiter geht es in eine große Halle mit zahlreichen Tischen und Heizplatten. In großen Töpfen kocht bereits das Wasser, in das wir unsere Nudeln nur noch hineinwerfen und wenige Minuten kochen. Die fertigen Udon essen wir mit Wasabi, Ingwer und einer Tunke aus Bonitobrühe, dickflüssiger Sojasauce und Mirin.

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Tatsächlich sind unsere Udon ziemlich gut gelungen. Frisch gestärkt fahren wir zurück nach Takamatsu, von wo aus wir mit dem Bus zu unserer letzten Station auf Shikoku aufbrechen: Matsuyama.

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