Die Zeit in Shikoku ist wie im Flug vergangen. Vom Bus Terminal in Takamatsu brechen wir ein wenig traurig zu unserem letzten Ziel auf der kleinsten japanischen Hauptinsel auf: Matsuyama. Die Hauptstadt der Präfektur Ehime ist gleichzeitig die größte Stadt Shikokus.

Leider haben wir keine Sitzplätze reserviert, weshalb uns der Busfahrer schon beim Einsteigen darauf vorbereitet, dass wir wahrscheinlich nicht die gesamte Fahrt nebeneinander sitzen können. Und tatsächlich beansprucht schon beim nächsten Halt ein zugestiegener Fahrgast Harukas Sitzplatz. Zu ihrem Glück darf sie eine Reihe weiter vor zu einer lebhaften jungen Frau im gleichen Alter umziehen, mit der sie sich die komplette Fahrt über angeregt unterhält. Mein neuer Sitznachbar hingegen spielt lieber ein Browsergame simultan auf zwei Smartphones und findet die Bussitze offensichtlich so unbequem, dass er alle paar Minuten die Sitzposition wechseln muss. Zum Glück habe ich mich ausreichend mit Manga für die Fahrt eingedeckt, dennoch schiele ich immer wieder neidisch nach vorne, wo Haruka unverschämt fröhlich ihr Gespräch genießt.

Am Abend rollt der Bus in den Bahnhof von Matsuyama. Von hier geht es mit der Straßenbahn weiter zum Dogo Onsen. Der Stadtteil beherbergt eine der ältesten heißen Quellen Japans und blickt auf eine tausendjährige Geschichte zurück. Neben dem Prinzen Shotoku hat auch der Schriftsteller Natsume Soseki diesen Ort geschätzt. Sein teils autobiografischer Roman Botchan spielt hier.


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Baden im Vulkan

Japan liegt am pazifischen Feuergürtel und ist voll von aktiven Vulkanen. Dadurch finden sich überall im Land unzählige Onsen, heiße Quellen mit hohem Mineralanteil. Ein heißes Bad, nicht nur in diesen natürlichen Quellen, sondern auch in der heimischen Wanne, ist die beliebteste Entspannungsmethode der Japaner neben Alkohol. Und um Quellen mit besonders guter Wasserqualität entstehen Kurorte wie Dogo.

Japanische Badekultur ist großartig. Neben Badehäusern mit oder ohne vulkanischem Quellwasser gibt es Bäder im Freien, die man Rotenburo nennt. Das bis zu 50° heiße Wasser betritt man ausschließlich gründlich gewaschen und unbekleidet. Die komplizierte Bade-Etikette im Onsen sollte man unbedingt einhalten. Schon kleinste Mengen übersehener Seifenschaum, die der ignorante Westler am Körper ins Quellwasser trägt, lösen blankes Entsetzen bis hin zur Beckenflucht aus.

Bei meiner ersten Onsen-Erfahrung hat es mich viel Überwindung gekostet, mich vollständig in das gefühlt kochend heiße Wasser zu begeben. Ist man es nicht gewohnt, kann das erste Mal ganz schön auf den Kreislauf schlagen. Erstaunlicherweise fühlt man sich hinterher jedoch belebt und erholt. In winterlicher Kälte ist man noch Stunden danach aufgeheizt und sogar im tropischen Japansommer einige Zeit gegen die Hitze abgehärtet. Kurzum: Bei jeder Japanreise sollte mindestens ein Besuch im Onsen eingeplant werden.


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Auf Botchans Spuren

Doch zurück zu unserer Reise: Mit der Straßenbahn erreichen wir den Bahnhof in Dogo, der wie zu Meiji-Zeiten aussieht. Früher fuhr hier eine Dampflok, die man noch heute vor dem Gebäude bestaunen kann. Von dort aus geht es durch eine überdachte Einkaufspassage Richtung Hotel. Um uns herum sind die meisten Japaner in Badekleidung unterwegs. Sie tragen dünne Yukata (einfache, luftige Sommer-Kimono) mit den Namen ihrer Hotels und kleine Bambuskörbchen mit Seife und Handtüchern, sogenannte Onsenkago.

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Heute Nacht werden wir in einem Ryokan schlafen. Das ist ein traditionelles japanisches Hotel mit Tatamizimmern und in Kurorten wie Dogo meist mit eigener heißer Quelle nur für Hotelgäste.


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Reiseziel Nahrung

Bevor wir diese jedoch genießen, essen wir erst zu Abend. Das Dogo Bakushukan ist eine sogenannte Izakaya, eine Kneipe im japanischen Stil. Fast wichtiger als die Getränke sind in solchen Lokalitäten die Speisen. Alle Portionen sind sehr klein, denn es geht nicht darum sich satt zu essen, sondern möglichst viel Verschiedenes zu probieren.

Da Haruka auf dieses Abendessen ganz besonders hinfiebert und die Last Order droht, erteilt sie mir kurzerhand Fotoverbot, während wir im Stechschritt zur Izakaya eilen. Als nachträgliche Rache gibt es dafür an dieser Stelle einen kleinen Exkurs zum Thema Essen auf Reisen. Denn das spielt für Japaner eine große, vielleicht sogar die größte Rolle. Auch während diesem Urlaub muss sich die Reiseroute oftmals der Nahrungsaufnahme unterordnen.

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Blättert man in einem japanischen Reiseführer wird klar, dass das ein gesamt-gesellschaftliches Phänomen ist: Oftmals sind Abschnitte über lokale Spezialitäten umfangreicher als Kapitel zu Sehenswürdigkeiten. Als Grund zum Reisen genügt ein Gericht. Viele Japaner machen sogar regelrechte Fressrundreisen. So hat eine japanische Freundin von mir eine fast 24-stündige Bahnrundreise durch ihr Heimatland gemacht, ohne jemals die Bahnhöfe ihrer Zielorte zu verlassen. Sie wollte lediglich verschiedene Bahnhofs-Bento (Lunchboxen) kosten.

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich zu diesem Reiseverhalten stehe. Ich finde, dass der Sinn einer Reise das Erkunden fremder Orte und das Kennenlernen fremder Menschen ist. Unbekannte Speisen sind dabei eher eine reizvolle Facette, als Zweck der Reise erscheinen sie mir aber seltsam. Andererseits habe ich in Japan mehrfach erlebt wie schön es sein kann, Essen zu zelebrieren. In der Izakaya kommen die kleinen Portionen nach und nach und man isst gemeinsam von denselben Tellern. Die Grundsituation ist dadurch viel kommunikativer, denn es entstehen Essenspausen, man reicht sich Häppchen hin und her, probiert dies und das und philosophiert über den Geschmack. In Deutschland ist jeder zunächst auf das Abarbeiten des eigenen Tellers fokussiert und das Gespräch beginnt oft erst beim Kaffee nach dem Essen so richtig. Im Yakiniku- (gebratenes Fleisch) oder Okonomiyaki- Restaurant (japanisches Omelette) brät man sein Essen meist selbst, was ähnlich wie beim Deutschen Grillen oder Fondue ebenfalls die Unterhaltung belebt. Abgesehen davon ist japanisches Essen auch noch wirklich gut: vielfältig, hochwertig und meist sehr gesund.

Kurzum: Ich kann die Begeisterung fürs Essen schon verstehen. Aber so wie wir beispielsweise mit der Fussballbegeisterung eindeutig übertreiben, nehmen auch die Japaner ihr Essen zu ernst.


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Schloß Matsuyama

Am nächsten Tag fahren wir nach einem ausgiebigen Bad am Morgen mit der Straßenbahn ins Zentrum. Weil wir im Anschluß direkt nach Hiroshima weiter wollen, müssen wir unser Gepäck mitnehmen, was in Japans überfüllten Bussen und Bahnen wirklich keinen Spaß macht. Das Internet sagt, dass es Schließfächer im Luxuskaufhaus Mitsukoshi mitten im Zentrum gibt. Also schleppen wir unsere auf Shikoku noch voller gewordenen Koffer von der Haltestelle dort hin – Leider nur um festzustellen, dass die Schließfächer zu klein sind. Jetzt müssten wir wieder Straßenbahn fahren, um die nächstgelegenen Schließfächer zu erreichen, aber das finden wir absolut nicht verlockend. Die Rettung kommt in Form des unfassbaren japanischen Service: Harukas hilflose Nachfrage an der Kaufhaus-Information sorgt dafür, dass unsere Koffer in einem Hinterzimmer verschwinden und wir sogar einen Beleg dafür bekommen. Im Gegensatz zum Schließfach völlig kostenlos. In Deutschland undenkbar, in Japan tatsächlich keine Seltenheit.

Um viele Kilos erleichtert machen wir uns auf den Weg zum Berg Katsu. Mit einem Sessellift fahren wir über ein Meer aus Pflaumenbäumen in voller Blüte bis auf 132 m Höhe. Es ist einer der wärmsten Tage unserer Reise und von Winter und Schnee wenige Tage zuvor ist nichts mehr zu spüren. Über mehrere Treppen, Tore und Pfade laufen wir zwischen Festungsmauern bis wir schließlich im innersten Ring direkt vor dem Schloss stehen. Das Gebäude existiert seit Anfang der Edo Zeit (1603) und wurde nach einem Blitzeinschlag und später nach Bombenschäden teilweise neu gebaut. Neben Ausstellungen altertümlicher Waffen und Rüstungen im Inneren ist der beste Grund für einen Besuch der grandiose Ausblick von der Spitze über Matsuyama und die Seto-Inlandssee.

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Leider endet hier unsere Reise durch Shikoku. Am Nachmittag fahren wir mit dem Schnellboot zurück nach Hiroshima. Für die 66 km durch die Seto-Inlandssee benötigt der Super Jet gerade mal knapp 60 min. Die letzten Tage werden wir wieder mit Harukas Familie in ihrer Heimatstadt verbringen.

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