Die Menschenmassen in der unmittelbaren Umgebung schaffen mit ihren Gesprächen eine Art Grundrauschen, das der Verkehrslärm noch verstärkt. Dazu gesellt sich an jeder Ampel mechanisches Vogelgezwitscher vom Band. Zusätzlich dröhnt überall Musik – nicht ein Lied, ein Rhythmus, sondern viele verschiedene, die sich ineinander verknoten, konkurrieren, irritieren. Dann noch hektisches Stimmengewirr aus verschiedenen Lautsprechern. Sonderangebote, Einladungen und vor allem nicht enden wollende Warnhinweise.

Im Zentrum einer japanischen Großstadt werden die Sinne auf die Probe gestellt. Wo die Augen in der Warn- und Werbeflut nichts mehr aufnehmen können, sollen die Ohren gelockt werden. Aber genau wie Erstere finden auch sie keinen Platz zum Verweilen. Denn für jeden Ton, der unser Bewusstsein erreicht, warten bereits drei weitere, die noch lauter sind.


 

Willkommen im Dschungel

Eine der wohl größten Herausforderungen des ersten Japanaufenthaltes ist die Reizüberflutung in der Stadt. Stammt man nicht selbst aus einer Metropole, fühlt man sich in Tokyo, Osaka, Nagoya und all den anderen Giganten lange Zeit völlig überfordert. Am Anfang ist die Navigation durch die endlosen Menschenmassen schon mehr, als die Sinne verarbeiten können. Hat man sich damit halbwegs arrangiert, bricht das optische und akustische Gewitter über einen herein. Und um letztere soll es in diesem Beitrag gehen. Die Fotos der nächtlichen Neondschungel in den japanischen Metropolen sind allgemein bekannt. Und natürlich ist klar, dass es dort wohl nicht gerade leise zugeht. Das Ausmaß des Lärms und die wahllose und gleichzeitige Beschallung von allen Seiten ist jedoch immer wieder erstaunlich.


 

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Yamada denki, Mr Donuts, Yodobashi Camera und eigentlich auch alle anderen großen Ketten haben Außenlautsprecher an ihren Eingangstüren, die Musik in erstaunlicher Lautstärke auf die Gehsteige und Einkaufspassagen tragen. Diese wird durchbrochen oder ist gar professionell gemischt mit Informationen zu Sonderangeboten, Verkaufsaktionen und vor allem immer und immer wieder dem Werbeslogan oder Jingle des jeweiligen Geschäftes. Und tatsächlich fräsen sich die ätzend fröhlich geträllerten Markennamen in kürzester Zeit unausweichlich ins Gehirn. Noch heute kann ich zahllose Jingles von Geschäften singen, die wahrscheinlich seit Jahren nicht mehr existieren. Hat das Geschäft mit diesem Audiosmog tatsächlich einen Kunden ins Innere gelockt sollte man meinen, hier wird ihm eine ruhige Atmosphäre zum entspannten Stöbern geboten. Doch weit gefehlt: Im schlimmsten Fall läuft exakt die gleiche Beschallung wie außen. Mindestens gibt es jedoch Musik und/oder regelmäßige Werbedurchsagen.

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Die unglaublichste Lärmbelästigung innerhalb eines japanischen Geschäftes habe ich just dieses Jahr erlebt. Und zwar im Elektro-Kaufhaus Laox in Hiroshima. Da wir sowieso in der Stadt unterwegs waren bat uns Harukas Mutter Faxpapier mitzubringen. Wie erwartet gibt es in der entsprechenden Abteilung mehrere große Regale mit Faxgeräten. Wie setzt man diese Geräte nun nach japanischer Auffassung am attraktivsten für potentielle Käufer in Szene? Man schaltet sie an, dreht sie auf die maximale Lautstärke und auf Dauerklingeln. Alle gleichzeitig. Während wir nun also das passende Faxpapier suchen dröhnt uns die charmante Fahrstuhlmusik des Laox in den Ohren. Alle paar Minuten quaken Mitarbeiter über Lautsprecher Produktempfehlungen dazwischen und als Kür bombardieren uns zirka 200 Faxgeräte gleichzeitig mit ihren Signaltönen in Dauerschleife.

Was könnte der Zweck dieser Art der Produktpräsentation sein? In nahezu keinem anderen Land der Welt sind Smartphones so allgegenwärtig wie in Japan. Auf diese Geräte kann man sich jeden existierenden Klingelton der Welt in perfekter Soundqualität und in Sekundenschnelle laden, meistens kostenlos. Wen wollen die Laox-Mitarbeiter da mit den ollen Fax-Midi-Sounds beeindrucken? Vor allem aber lässt die Flut an Tönen überhaupt keine Identifikation einzelner Geräte zu. Und überhaupt bin ich der festen Überzeugung, dass ein derartiger Sound-Overkill zwangsläufig den menschlichen Fluchtreflex auslöst. Wer sich bei dem Lärm allen Ernstes seelenruhig mit den einzelnen Geräten beschäftigt ist entweder taub oder wohnt in der Disco.

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Aber verlassen wir das Innere der Geschäfte und kehren zurück auf die Straße. Denn hier lauert noch die „Event Staff“, oder, wie ich sie nenne, die Kundenfänger. Diese stehen in übergroßen Anoraks, Uniformen oder verrückten Kostümen vor den Läden, schreien ausdauernd „Irasshaimasse“ (Kommen Sie herein/Willkommen) und preisen die Angebote ihres Brötchengebers an. Manche sind sogar mit Megafon bewaffnet, was für noch mehr Lautstärke sorgt. Dreht man ihnen irritiert den Kopf zu, ist man in die Falle getappt: Besonders vor Karaokeläden oder Restaurants wird man nun in ein knallhartes Verkaufsgespräch verwickelt und nur mit eiskaltem Pokerface und kompromissloser Ablehnung gelingt es weiterzuziehen. Ausländer können sich aber auch mit einem simplen „I don’t speak japanese“ aus der Affäre ziehen.

Und dann ist da noch Pachinko. Dieses erstaunlich langweilige Spiel ist eigentlich einen eigenen Beitrag wert, ich versuche mich also kurz zu fassen. An jeder Ecke stößt man in Japan auf sehr große, geschmacklos-auffällig gestaltete Gebäude. Meist thront in unmittelbarer Nähe des Eingangs eine gigantische LED-Wand, auf der mit grellbunten Animationen für die neuesten Automaten geworben wird. Unnötig zu erwähnen, dass sich diese Werbung natürlich nicht auf Bilder beschränkt, sondern durch richtig viele Dezibel unterstützt wird. Besonders perfide: Oftmals laufen diese Filmchen nicht permanent, sondern mit Pausen. Das bedeutet, sie gehen oft unvermittelt los und sorgen für regelmäßige Schockeffekte.


 

Spielhöllen

Dabei bräuchte man diese Bildschirme gar nicht, lässt sich ein Pachinko Parlor doch schon von Weitem auch bei geschlossenen Türen am ohrenbetäubenden Rasseln der Metallkügelchen erkennen. Diese sind Hauptelement des Spiels: Man lässt sie von oben in die Maschine fallen und hofft, dass sie an der richtigen Stelle landen. Diese Kügelchen liegen in Plastikkörben in großen Mengen hinter den Spielern und sind geradezu lächerlich laut beim Einwerfen in das Gerät. Da müssen das Personal und die Musik natürlich alles geben, um dennoch bemerkt zu werden und genau das tun sie. Kurzum: Kaum ein Metal-Konzert übertrifft den Lärmpegel einer Pachinkohalle!

Sogar die traditionell lauten Game Center können da nicht mithalten, obwohl auch hier das Gehör strapaziert wird. Anders als in England oder Frankreich geht der Ton der Automaten nicht erst an, wenn man Geld eingeworfen hat. Er wird dann lediglich noch lauter… Das bedeutet alle Automaten beschallen permanent gleichzeitig die Spielhalle. Unter die fröhlichen Ufo-Catcher-Melodien mischt sich das Stakato-Geballer eines Darius Burst, die dumpfen Schlaggeräusche eines Street Fighter V und die Motorensounds von Mario Kart Arcade. Wenn jetzt noch jemand Geld in den Taiko no tatsujin-Automaten wirft bleibt nur noch die Flucht. Ich bleibe natürlich trotzdem, schließlich reden wir hier von einer Spielhalle, aber laut ist es dennoch.


 

Warnung!

Aber auch jenseits von Konsum und Spiel ist Japan laut! Die Welt ist ein gefährlicher Ort. Wer das nicht weiß und Japanisch kann muss nicht verzagen, denn er wird auf Schritt und Tritt auf potentielle Todbringer aufmerksam gemacht. Es gibt zum Beispiel mindestens zwanzig verschiedene Warnsticker auf automatisch schließenden Türen: mal quetscht sich darauf ein Junge, mal ein Mädchen, mal ein Häschen und mal ein Kätzchen die Hand. Aber bekanntlich sagen Worte mehr als zwanzig Bilder, weshalb jede japanische Automatiktür auch akustisch Benutzer auf die drohende Gefahr aufmerksam macht. Weitere regelmäßige Durchsagen warnen davor den Regenschirm zu vergessen, im Zug zu telefonieren, sich zu breitbeinig hinzusetzen… Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Besonders extreme Formen nimmt das etwa bei der Bahn an. Wartet man zum Beispiel am Gleis, kommt etwa fünf Minuten vor Ankunft des Zuges die Ankündigung durch einen Stationsmitarbeiter über Lautsprecher. Ungefähr zwei Minuten davor dann die immer gleiche Bandansage, die mahnt, bei der Einfahrt hinter der gelben Markierung zu bleiben. Ab hier wird es chaotisch. Noch bevor die Bandansage zu Ende ist kommen nun weitere Erklärungen vom Schaffner zum Zustiegsabschnitt auf dem Gleis, den nächsten Haltestellen etc. Parallel ertönt ein Warnton, der klarmacht, dass der Zug jetzt ehrlich gleich kommt. Dann hat jeder Bahnhof auch noch (zugegebenermaßen sehr charmante) Erkennungsmelodien, die zum Öffnen und Schließen der Türen erklingen. Doch keine Sorge: Hat man es endlich in den Zug geschafft muß man noch immer keine Stille fürchten. Denn jetzt bedankt sich erst mal der Schaffner fürs Einsteigen und wiederholt zur Sicherheit nochmals alle folgenden Stationen.


 

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Ursachensuche

Der aufmerksame Leser hat es vielleicht schon bemerkt: Das kann ganz schön nerven. Manchmal erwecken Japaner den Anschein, ihren Landsleuten kein Fünkchen Intelligenz zuzutrauen. Oder warum sonst sollte man erwachsene Menschen bei einem so simplen Vorgang wie dem Einsteigen in einen Zug derart gängeln? Und um wieder etwas mehr auf das eigentliche Thema zurück zu kommen: Warum müssen all diese Ansagen, Warntöne und Melodien gleichzeitig laufen?

Die Antwort ist denkbar simpel: Weil ohnehin keiner zuhört. Haruka war ziemlich überrascht, als wir den genauen Ablauf bei der Zugankunft rekonstruiert haben. Den Großteil aller Ansagen bekommt sie nämlich gar nicht mit. Und ähnlich verhält es sich mit allen anderen akustischen Reizen. Man selektiert. Leider sehen das die Lärmverursacher nicht als Anlass zur Reduktion, sondern drehen die Regler nur weiter nach oben.

Hier muss man wohl auch zwischen Werbung und Warnung unterscheiden. Bei der Werbung liegt der Konkurrenzkampf um die meisten Dezibel in der Natur der Sache (was es natürlich keineswegs angenehmer macht). Bei Warnhinweisen ist diese Herangehensweise jedoch ungeschickt, schließlich verpufft der Großteil ungehört trotz des massiven Aufwands, der dafür betrieben wird.

Natürlich ist Japan trotzdem toll. Also Ohren zu und durch!

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