Ein hell leuchtendes Objekt fliegt mit hoher Geschwindigkeit über den Nachthimmel. Die weite Landschaft aus Wäldern und Bergen darunter ist unberührt und nahezu menschenleer. Nur eine Gruppe Eingeborener, nahezu nackt und vollständig von archaischen Tätowierungen bedeckt, vollzieht viele hundert Meter unter der Lichtkugel eine Art Ritual.

Das Licht fliegt weiter. Die Szenerie, die nun unter ihm liegt, sieht der vorherigen zum Verwechseln ähnlich. Allerdings verraten mehrere Äcker und vereinzelte Hütten nun deutlicher die Präsenz von Menschen. In einer der Hütten steht ein Mann mit Glatze und verbundenen Augen inmitten eines Blutbads. Seine Kleidung und das Innere der Hütte verorten die Szene irgendwann am Anfang der Showa-Zeit (~1940). Das Katana in seiner Hand ist blutverschmiert, genauso wie der Tatamiboden und der Rest der traditionellen japanischen Behausung. Zu seinen Füßen liegen zwei Tote und bevor das Bild wieder dem Flugkörper folgt müssen wir ihn noch bei einem weiteren kaltblütigen Mord beobachten. Sein letztes Opfer ist ein kleines Kind.

Erneut überfliegt das Objekt das gleiche Panorama. Allerdings sind mittlerweile weite Teile der Landschaft dem Einfluss des Menschen zum Opfer gefallen. Straßen durchziehen die ehemals dichten Wälder und hier und dort stehen Strommasten. Am Boden bearbeitet ein Bautrupp die Landschaft mit Baggern und Bulldozern.

Noch ein letztes Mal sehen wir den Flugkörper über dem immer gleichen Panorama. Mittlerweile füllt jedoch eine moderne Kleinstadt die Landschaft: Soil

Dies sind die ersten Seiten des gleichnamigen Manga von Atsushi Kaneko aus dem Jahr 2004. Und obwohl der Leser mit diesen Bildern zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel anfangen kann, ist es beängstigend wie viel Sinn das Gesehene elf Bände später machen wird.


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Zu schön um wahr zu sein…

Die Stadt Soil, die das Intro abschließt, ist eine sogenannte „New Town“. Die Japaner ringen diese Pendlerstädte der Natur ab wo immer es möglich ist, um der Überbevölkerung in den natürlich gewachsenen Ballungsräumen zu begegnen. So entstehen künstliche, am Reißbrett geplante Schlafstädte ohne eigene Geschichte, deren einziger Zweck in der Erschaffung von Wohnraum besteht.

Und genauso künstlich wie die Entstehung von Soil ist auch das Leben in der Stadt. Vor all den pedantisch gepflegten Reihenhäusern blühen zahllose Blumen, die Menschen auf der Straße begegnen sich stets mit einem Lächeln und die Luft ist erfüllt vom Lachen der Kinder. Jede Familie scheint perfekt, aber keine so sehr, wie die Familie Suzushiro. Der Vater ist Klavierlehrer, die Mutter war vor der Ehe Floristin und die bildhübsche Tochter glänzt durch gute Noten und perfekte Manieren. Sie alle begegnen ihren Mitmenschen mit ausgesuchter Freundlichkeit und sind äußerst beliebt.

Doch eines Tages verschwindet die Familie spurlos. Was bleibt ist lediglich eine mysteriöse Salzsäule im Zimmer der Tochter. Außerdem ein riesiger Berg aus dem gleichen Mineral im Pausenhof der Schule. Mit einem Hamsterherz auf der Spitze…


Die Ermittlung beginnt

Die Polizisten Yokoi und Onoda der Polizei von Kamikawa werden nach Soil geschickt, um das mysteriöse Verschwinden der Familie aufzuklären. Inspektor Yokoi ist ein unfreundlicher und vulgärer Menschenfeind, der der Stadt mit all ihren perfekten Einwohnern von Anfang an misstrauisch begegnet. Seine Untergebene, die obsessiv gesetzestreue Onoda, hat permanent unter seinem Sexismus und seinen Körpergerüchen zu leiden und steckt selbst voller Komplexe und absonderlichem Verhalten.

Das ungleiche Paar stellt schon früh fest, daß in Soil nichts so ist, wie es scheint. Unter der makellosen Oberfläche lauern erschreckende Abgründe, denn normal ist hier wirklich niemand.


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Daten und Fakten

Soil wurde in Japan erstmals vom Verlag Enterbrain in deren Anthologie Comic Beam veröffentlicht. Die Serie lief von 2003 bis 2010 und umfasst elf Taschenbücher. Außerdem existiert eine Fernsehsehserie mit insgesamt acht Episoden. Weder in Amerika noch in Deutschland existieren aktuell Pläne für eine Veröffentlichung. In Deutschland wurde jedoch jüngst eine andere Serie von Kaneko veröffentlicht („Wet Moon“), was zumindest vagen Anlass zur Hoffnung gibt. Zum Glück ist die Reihe jedoch mittlerweile vollständig auf französisch beim Verlag Ankama erschienen.


Der Stil

Kanekos Zeichenstil macht auf beeindruckende Weise klar, wie vielfältig Manga trotz aller Stilisierung aussehen können. Die Gesichter und Körper seiner Personen sind realistisch proportioniert: Im Gegensatz zu vielen Jugendmanga gibt es hier keine spindeldürren Models mit Riesenaugen, sondern sehr gewöhnliche Menschen, die auch noch eindeutig asiatisch aussehen.

Diesem Realismus steht die ausdrucksstarke Linienführung entgegen, die in ihrer Präzision und Lebendigkeit schon fast an amerikanische Cartoons oder Independent-Comics erinnert. Der Eindruck wird durch den beinahe vollständigen Verzicht auf Rasterfolie verstärkt. Strukturen und Oberflächen vermittelt Soil über Linien, nicht über Flächen. All dies erzeugt eine faszinierende Mischung aus Reduktion und Detailreichtum, die den Blick des Lesers virtuos lenkt und die unwirkliche Atmosphäre in Soil perfekt auf den Punkt bringt.


Sollte man das lesen?

Unbedingt! Soil ist nicht nur stilistisch ein Ausnahmemanga, sondern begeistert sogar noch mehr durch seine Handlung. Was als Thriller mit einer gehörigen Portion Gesellschaftskritik beginnt, schwankt alsbald gekonnt zwischen Fantasy und Horror, bevor tatsächlich noch einige philosophische Themen hinzukommen. Dabei dominiert vor allem die Frage, was eigentlich Normalität ist.

Immer wenn man meint, den merkwürdigen Geschehnissen auf die Spur gekommen zu sein, stellt der nächste Plot-Twist alles auf den Kopf und auf jede Antwort folgen unweigerlich auch doppelt so viele neue Rätsel. Soil unterhält vom Anfang bis zum furiosen Ende mit einer wendungsreichen und sehr ungewöhnlichen Geschichte in einzigartigen Bildern. Wer französisch oder gar japanisch kann, sollte unbedingt zugreifen!

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