Was ist denn eigentlich so toll an Japan, dass man, so wie ich, die Sprache lernt, Unsummen für Flugtickets investiert und schlussendlich sogar einen interkulturellen Blog mit einer Japanerin startet?

In meinem Fall waren es, wie so oft, zunächst Manga und Anime, die mein Interesse geweckt haben. Ich war schon immer großer Comicfan und habe mich von Disney, über frankobelgische Comics erst einmal zu Superhelden vorgearbeitet.


 

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Ein kleiner Otaku-Laden im Sunplaza, Kobe

Der erste Anime

Irgendwann hat mir ein Freund Streetfighter II – the animated movie gezeigt (der mit dem komischen US -Soundtrack). Was für ein Schock für jemanden, der bisher nur US – Cartoons und Disney – Filme kannte… So dynamisch können Zeichentrickfilme also sein.

Heute sollte ich den Film vermutlich nicht mehr ansehen. Keine Ahnung, ob er gut gealtert ist. Damals kam er mir jedenfalls extrem gut gemacht und sehr erwachsen vor.

Leider war das damals die Zeit, in der die Deutschen massenweise Anime – Pornos importierten und es jenseits dessen eigentlich nur noch Action und SciFi mit hohem Gewaltgehalt gab.

Meine Schlussfolgerung war, dass ich den Stil zwar toll fand, aber recht schockiert über die Inhalte war. Überhaupt las man damals viel über die pervesen, pädophilen Japaner, so dass ich zunächst das Interesse verlor. Erst viel später habe ich begriffen, dass es natürlich auch zu dieser Zeit anspruchsvolle und intelligente Animes gab. Leider wollte die aber in Deutschland kaum einer kaufen, weshalb sie hier auch nicht veröffentlicht wurden.


 

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Die Manga_Abteilung im Tsutaya in Shibuya

Ranma 1/2

Letztlich wurde meine bis heute andauernde Leidenschaft für Anime und Manga durch die Veröffentlichung von Ranma 1/2 geweckt. Dieser Manga wurde über Ehapa zunächst als Teil einer Anthologie (Manga Power oder so?) und in einem sehr seltsamen US – Albenformat publiziert. Ein Band war astronomisch teuer und hatte nur den halben Umfang der japanischen Taschenbücher. Nach vier Bänden wurde die Reihe wieder eingestellt und Ranma verschwand für viele Jahre in der Versenkung.

Aber ich hatte Blut geleckt. Die skurrilen Charaktere und die absurde Story ließen mich nicht mehr los. Da gab es allerdings noch mehr: Die Gebäude, die Kleidung, das Essen und die Feste, die in den Geschichten vorkamen, waren mir völlig fremd und faszinierten mich. Ich hätte es damals wohl nicht genau definieren können, aber jenseits der Stories hatte mich auch Japan bereits ein wenig in seinen Bann gezogen.

Zunächst blieb ich jedoch beim Manga. Zum Glück war ich immer wieder mit der Familie eines Freundes im Urlaub in Frankreich und hatte auch schon Französisch in der Schule. In Frankreich gab es neben Ranma noch alle möglichen anderen Manga und ich verschleuderte mein gesamtes Taschengeld in den französischen Buchläden (Amazon gab es damals nämlich noch nicht).

Der Zeichenstil mit seiner Mischung aus größtenteils realistischen Proportionen und stark stilisierten Gesichtern spornte mich zu immer neuen Revisionen meines eigenen Stils an. Die unglaubliche Dynamik, die Filmtechniken wie zum Beispiel Zeitlupe virtuos in ein statisches Medium überführte, ließ mich die geradezu klobig – umständlichen Superhelden schnell vergessen. Und die unglaublich vielfältigen Stories, die von einer Sekunde zur Anderen zwischen Ernst und Slapstick wechseln konnten und mir bekannte Genres nahezu komplett ignorierten zementierten meine Begeisterung.


Hauptsache Japan

Doch das war nur der Anfang. Irgendwann sah ich erste Realfilme von Takeshi Kitano, las Romane von Haruki Murakami und fand auch sonst relativ wahllos alles toll, was aus Japan kam.

Irgendwann passierte, was passieren musste, und ich begann ein Japanologiestudium. Der Grund war erschreckend trivial: Ich wollte Manga, Anime, Filme und Bücher im Original lesen bzw. schauen. Ab da war es dann vollends um mich geschehen. Wir hatten einen wirklich guten Japanischdozenten und über Tandemunterricht viele Möglichkeiten, die Sprache zusammen mit japanischen Austauschstudenten zu lernen.


 

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Die berühmte Kreuzung vor dem 109 in Shibuya

Lernen von Japanern

Hier lernte ich zum ersten Mal die Menschen hinter den so von mir verehrten Geschichten kennen. Und diese Erfahrungen sollen auch den Großteil dieses Blogs einnehmen. Zuvor kannte ich eigentlich nur Deutschland, oder genau genommen sogar lediglich Franken. Urlaube im europäischen Ausland verbrachte ich größtenteils mit Deutschen. Es ist also keineswegs übertrieben zu sagen, dass meine Welt ziemlich klein war.

Die Austauschstudenten, mit denen wir lernten, waren da schon weiter. Sie studierten fern der Heimat und mussten sich tagtäglich in einer Fremdsprache verständigen. Außerdem sind wir uns eben doch nicht so ähnlich, wie es der gemeinsame Wohl- und Entwicklungsstand unserer Länder vermuten lässt. Aber jenseits aller Missverständnisse und Peinlichkeiten fand ich nicht nur gute Freunde, sondern sah auch ein, dass Richtig und Falsch sehr subjektive Begriffe sind und über Jahre hinweg gelernte Verhaltensweisen von einem Moment auf den Anderen jede Gültigkeit verlieren können.


Interkulturelle Kompetenz

Meine Beschäftigung mit Japan und Japanern hat mir geholfen, mich selbst und meine Kultur zu relativieren. Besonders während meinem Austauschstudium habe ich gelernt, wie wenig ich über die Welt weiß und wie klein mein persönlicher Horizont doch ist.

Das hat sich bis heute nur geringfügig geändert, denn die Welt ist wirklich groß. Aber ich habe gelernt, dass Japaner freundliche, großzügige und sehr interessierte Menschen sind. Bis heute bin ich begeisterter Otaku und Japanfan und sollte es Haruka und mir gelingen, in diesem Blog auch Anderen ein wenig von unserer eigenen Begeisterung am Lernen von der anderen Kultur näher zu bringen, wären wir sehr zufrieden.

4 thoughts on “Warum eigentlich Japan?

  1. Warum Japan?! habe ich in den vergangenen 20 Jahren oft gedacht. Warum nicht die USA, England oder Frankreich, wo alle hingehen und ein Schul- oder Studienjahr verbringen wollen.
    Mittlerweile bin ich schon zweimal in einer Nürnberger Buchhandlung vor einem Bilderwörterbuch Deutsch-Japanisch gestanden und ziehe mittlerweile den Kauf ernsthaft in Erwägung. Ich finde es eine Bereicherung, eine andere Kultur kennenzulernen, in eine andere Welt einzutauchen. Leider muss ich Japan oft gegen „Vor“-Urteile verteidigen, so als hätte Deutschland nicht auch seine nationalen Besonderheiten.
    Mir gefällt der Blog sehr gut – macht weiter.
    Liebe Grüße

    1. Schön, von Dir hier zu lesen!
      Natürlich hat auch das europäische Ausland seine Reize, aber eine wirklich andere Kultur findet man hier eben nicht. Japan bietet für mich die perfekte Mischung aus anders und doch vertraut.
      Wenn es halt nur nicht ganz so weit weg und kostspielig zu erreichen wäre… Aber wem sage ich das?

  2. Hallo,
    heute möchte ich über einen Artikel aus den Nürnberger Nachrichten berichten. Der Artikel handelt vom jüngesten Erdbeben in Japan und ist vom 18.04.2016.
    Erwähnenswert finde ich folgende Aussagen der Verfasser:
    ………….. wie stets bei Katastrophen zeigt sich eine der Stärken Japans, der Zusammenhalt seiner Menschen. Auch in größter Not bewahren sie die Fassung.
    ……………Was gelegentlich im Westen als Gleichmut missverstanden wird, ist in Wahrheit Gefasstheit und Durchhaltewillen, mit der die Japaner Katastrophen wie dieser begegnen.
    Ich habe mich gefreut, dass endlich einmal jemand einen differenzierten Blick auf Japan und seine Menschen wirft.
    Eva

    1. Stimmt, Japaner sind nicht nur krisenerprobt, sondern funktionieren auch zwangsläufig besser in der Gruppe. Hoffentlich werden wir nie erfahren, wie wir selbst und unsere Landsleute in einer derartigen Situation reagieren…

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