2016 war ein Jahr voller unangenehmer Überraschungen. Einsamer Spitzenreiter ist sicherlich der Wahlsieg von Donald Trump. Die Bedeutung dieses Ereignisses für den Westen wird hierzulande längst ausreichend in allen Medien diskutiert, doch welche Konsequenzen folgen daraus für Asien und vor allem Japan?

Eigentlich sind wir kein politischer Blog und bewegen uns hier etwas außerhalb unserer Kernkompetenzen. Dieses Ereignis bietet jedoch die Möglichkeit, Facetten der Geschichtliche Japans mit der Gegenwart zu verknüpfen, weshalb wir uns trotzdem damit befassen wollen. Wie immer schildern wir hier nur unsere subjektive Sicht. Andere Meinungen und Diskussionen sind uns sehr willkommen.

Trump und Abe

Trumps Wahlsieg ist ein Schock für die japanische Regierung rund um Shinzo Abe. Bisher hat der Premierminister seine Politik vollständig auf Washington ausgerichtet und sich von Obama erstaunliche Zugeständnisse abringen lassen: Trotz Verfassungsbruch entschied er, Einsätze an der Seite Amerikas auch außerhalb der primären japanischen Interessensgebiete zuzulassen. Er gab endlich zu, dass Japan im zweiten Weltkrieg Koreanerinnen zur Prostitution zwang und verzichtete sogar auf den traditionellen Besuch im Yasukuni Schrein (dazu später mehr) um die USA zu umgarnen. Eine Fortführung von Obamas Asien-Politik durch Clinton galt als wahrscheinlich und ihr Sieg als sicher. Bekanntlich kam alles anders und Abes Bemühungen scheinen im Licht von Trumps Äußerungen über Japan vergeblich gewesen zu sein.

Besonders zwei Themen aus Trumps Wahlkampf machen ihn für die Japaner zu einem potentiellen Alptraum. Seit dem zweiten Weltkrieg unterhält Amerika Militärbasen in Japan. Auch wenn diese umstritten sind und regelmäßig Schlagzeilen machen, bieten sie doch eine wichtige Absicherung gegen Nordkorea, das in regelmäßigen Abständen mit dem Säbel rasselt. Im Wahlkampf unterstellte Trump Japan und auch Südkorea jedoch wiederholt strategische Schnorrerei, weil sie sich an diesen Basen nicht ausreichend finanziell beteiligten. Sollten höhere Investitionen ausbleiben, würde er sogar darüber nachdenken die amerikanischen Truppen abzuziehen.

Die zweite Bedrohung liegt in Trumps Plänen für die Wirtschaft. Durch hohe Zölle auf Importe sollen amerikanische Produkte im eigenen Land wieder wettbewerbsfähig werden. Das Pacific Trade Agreement, das den Handel zwischen Amerika und Pazifikstaaten wie Japan erleichtern sollte, will er gar vollständig aufkündigen. Leider ist die japanische Wirtschaft ähnlich abhängig von Exporten wie die Deutsche: Nach China, den USA und Deutschland belegt Japan Platz 4 der exportstärksten Länder der Welt. Wenig überraschend  stürtzte die Börse in Tokyo nach Trumps Wahlsieg um 5,5 Prozent ab.

Der japanische Premierminister war derart verunsichert, dass er als einer der ersten Staatschefs schon für den Donnerstag nach dem Wahlsieg ein Treffen mit Trump vereinbarte. Details aus dem Gespräch sind nicht bekannt, Abe betonte jedoch, dass er großes Vetrauen in Trump setze und ein Regierungssprecher sprach von einem extrem guten Start. Ist die Furcht also unbegründet?


Geschichtliche Hintergründe

Um das ganze Gewicht von Trumps Drohungen zu verstehen, muss man sich ein wenig mit der Geschichte befassen. Für uns mag es zunächst verwunderlich scheinen, dass die Japaner die Militärbasen der ehemaligen Besatzer weiterhin im eigenen Land haben wollen. Allerdings verlief ihre Geschichte nach dem Krieg in weiten Teilen anders als unsere.

Trotz der schweren Kriegsverbrechen der Japaner konnten die USA es sich nicht leisten, das Volk völlig zu demoralisieren. Schließlich benötigten sie dringend einen Vorposten im Ringen mit dem kommunistischen China. 1945 musste der Kaiser, bis dahin einem Gott gleichgestellt, bedingungslos kapitulieren, was der Bevölkerung einen schweren Schlag versetzte. Bis heute nagt dessen öffentliches Eingeständnis der Niederlage am Selbstvertrauen vieler Einwohner der Inselnation. Aber der Kaiser blieb zumindest im Amt und musste sich vor keinem Gericht verantworten. Überhaupt fand in Japan keine vergleichbare Umerziehung wie in Deutschland statt. Die Besatzung unter General Mc Arthur war vor allem auf den Wiederaufbau des Landes ausgelegt. Deshalb und wegen der jahrzehntelangen guten Beziehungen danach sind viele Japaner weit weniger amerikakritisch, als wir.

Seit dem Krieg ist der Großteil der japanischen Bevölkerung auch strikt gegen den Aufbau eines eigenen Heeres und selbst die ersatzweise geschaffenen Selbstverteidigungsstreitkräfte sind sehr umstritten. Gründe dafür sind die japanische Verfassung, die ein eigenes stehendes Heer verbietet und das Vertrauen auf den bisher verlässliche Bündnispartner USA. Überhaupt scheinen die Japaner eine aktive Beteiligung an militärischen Konflikten mehrheitlich abzulehnen. Der Schock der Atombomben sitzt verständlicherweise tief.

Asiatische Nachbarschaft

Aufgrund der schlechten Beziehungen zu den meisten benachbarten asiatischen Ländern ist Japan jedoch auf militärische Absicherung angewiesen.

Bis heute schwelen zahlreiche Territorialkonflikte um verschiedene Inseln im Chinesischen Meer zwischen den umliegenden acht Ländern. Bei allen strittigen Inseln verwenden wir der Einfachheit halber die japanischen Namen. Damit wollen wir aber keine Stellung zu den Besitzverhältnissen beziehen.

China beansprucht mittlerweile fast das gesamte Südchinesische Meer, was für Spannungen mit den Philippinen, Brunei, Malaysia, Vietnam und Taiwan sorgt. Mit Japan streitet das Reich der Mitte vor allem um die Senkaku Inseln im ostchinesischen Meer, da dort Öl- und Erdgasvorkommen vermutet werden. Nach dem zweiten Weltkrieg erkannten die USA sie als japanisches Territorium an und unterstützten die Japaner bisher gegen die militärischen Provokationen aus China. Ohne dieses Bündnis könnte es jedoch schwierig werden, die Inseln zu halten.

Mit Russland bestehen Besitzkonflikte um vier Kurilen-Inseln, die die Sowjetunion seit Kriegsende besetzt. Die wirtschaftlichen Beziehungen beider Länder leiden seither unter dem Konflikt und es existiert kein Friedensvertrag zwischen ihnen.

Südkorea und Japan liegen im Clinch um die Inselgruppe Takeshima. Dabei geht es beiden Parteien vor allem um die sehr fischreichen Gewässer und die vermuteten Bodenschätze. Für die Südkoreaner sind die Inseln jedoch auch ein beliebtes Ausflugsziel. Je schärfer der Ton im Streit um die Inseln in der Öffentlichkeit wird, desto mehr Touristen reisen dorthin.

Aber auch jenseits von Gebietsansprüchen ist das Verhältnis Japans zu seinen Nachbarn historisch vorbelastet. Vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des 2. Weltkriegs arbeitete auch Japan an einem eigenen Kolonialreich. Sie besaßen Kolonien in Korea und China und besetzten Gebiete in Indonesien, Malaysia, den Philippinen und Taiwan. Besonders grausam wüteten japanische Truppen 1937 in Nanking, der damaligen Hauptstadt Chinas, wo ihnen mindestens 200.000 Zivilisten zum Opfer fielen.

Während des zweiten Weltkriegs stellte die japanische Führung außerdem organisierte Prostitution für das Militär bereit, um die Moral der Truppen zu stärken und die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten unter den Soldaten einzudämmen. Der große Bedarf ließ sich aber allein mit freiwilligen Prostituierten nicht decken, weshalb sich vor allem Chinesinnen und Koreanerinnen massenhaft zwangsprostituieren mussten. Aus Angst vor Strafe durch die Siegermächte wurden sie nach Kriegsende teils umgebracht oder an der Heimkehr gehindert.

Öl ins Feuer

Deutschland hat zu Kolonialzeiten und vor allem im zweiten Weltkrieg noch weit abscheulichere Untaten begangen. Dennoch ist unser Verhältnis zu unseren ehemaligen Opfern heute in vielen Fällen besser als das der Japaner. Das liegt vor allem daran, dass diese kaum Wiedergutmachung geleistet und viele Kriegsverbrechen jahrzehntelang geleugnet haben. Anderen Asiaten gegenüber fühlen sie sich noch heute überlegen und begegnen ihnen entsprechend arrogant.

Besonders schwer haben es asiatische Ausländer, die in Japan leben. Selbst jene, deren Vorfahren dorthin verschleppt wurden oder die vor dem Krieg flohen, können bis heute keine japanische Staatsbürgerschaft erwerben, obwohl sie bereits in der zweiten oder gar dritten Generation dort leben. Sie haben nur eingeschränkte Bürgerrechte und können beispielsweise nicht wählen oder Polizist bzw. Feuerwehrmann werden.

Dazu sendet die Politik immer wieder hoch problematische Signale: Japanische Premierminister besuchen seit 1975 immer wieder offiziell den Yasukuni Schrein. Dort wird neben Militärangehörigen, die während und nach der Meiji-Era starben, auch zum Tode verurteilten japanischen Kriegsverbrechern gedacht. Besonders unglücklich ist, dass viele dieser Besuche ausgerechnet am 15. August, dem Tag der Kapitulation Japans, stattfinden, was Kritiker als Beschönigung des Krieges auslegen. Daneben lösten auch wiederholt japanische Schulbücher Empörung aus, da sie geschichtliche Fakten beschönigen oder gar unterschlagen haben sollen.

Es steht also nicht allzu gut um das Verhältnis zwischen Japan und anderen asiatischen Nationen. Mit den USA existierte jedoch seit der Kapitulation ein starker Partner, der die eigene Überlegenheit zu zementieren schien. Ohne diese Unterstützung wird vermutlich China das Machtvakuum füllen und gleichzeitig Nordkorea seine Drohgebärden verstärken.


Perspektiven

Letztendlich wird erst die Zeit zeigen, welche Drohungen Trump wahr macht und was lediglich Polemik war. Seine Siegesrede war jedenfalls von einer Milde und Versöhnlichkeit geprägt, die er im Wahlkampf kein einziges Mal gezeigt hat. Und wie erwähnt scheint auch das erste Treffen beider Nationen positiv verlaufen zu sein. In jedem Fall wird die Welt unter Trump ein ganz anderes Amerika erleben und viele historisch gewachsenen Bündnisse werden ihre Stabilität erneut beweisen müssen. Es kann gut sein, dass sich Japan gegenüber seinen Nachbarn künftig demütiger zeigen muss. Selbst eine zaghafte Annäherung an China ist nicht mehr ausgeschlossen.

Das eigene Militär zu verstärken würde bei der japanischen Bevölkerung jedenfalls auf starken Widerstand stoßen. Es dürfte auch erhebliche Probleme bereiten, die finanziellen Mittel dafür bereit zu stellen. Falls Exporte nach Amerika künftig tatsächlich teurer werden sollten  stünden die Japaner vor einem gewaltigen Problem. Bei der massiven Staatsverschuldung und der seit der Bubble economy schwächelnden Wirtschaft könnte man Ausfälle auf diesem wichtigen Markt nur schwer kompensieren.

In jedem Fall ist Donald Trump eine Herausforderung für die Welt und wie schlimm seine Präsidentschaft wirklich zu bewerten ist, wird sich bald zeigen.

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