Das Fest der Liebe ist gerade erst vorbei und langsam wird uns allen bewusst, wie viel wir zugenommen und wieviel Geld wir dieses Jahr wieder ausgegeben haben. Zum Glück bleibt für Reue keine Zeit, denn das nächste Gelage steht bereits vor der Tür: Silvester naht mit Riesenschritten.

Doch während wir die mehr oder weniger besinnliche Zeit mit der Familie bereits zu Weihnachten hinter uns gebracht haben und den Jahreswechsel richtig laut angehen, haben die Japaner ihr beschauliches Familienfest noch vor sich. Und da wir letztes Jahr bereits einen Blick auf das japanische Weihnachtsfest geworfen haben (siehe hier), beleuchten wir diesmal den Jahreswechsel im Land der aufgehenden Sonne.


Neujahrskarten

Es scheint in der Natur der Sache zu liegen, dass vor der Ruhe zunächst einmal Stress angesagt ist: In Deutschland wird wochenlang im schlimmsten Gedränge eingekauft und dann trotzdem kurz vor Weihnachten festgestellt, dass die Hälfte fehlt. In Japan steht hingegen vor der Entspannung zunächst der Wahnsinn mit den Neujahrskarten.

Das Ganze hat wohl irgendwann einmal als schöne Idee begonnen. Verwandten, die man nur selten traf, sendete man zum Jahreswechsel Nengajo. Das sind Postkarten mit passenden Motiven aus dem chinesischen Tierkreis. Jedem Jahr ist ein Tier zugeordnet, das in irgendeiner Form mit dem traditionellen Neujahrsgruß und einem kurzen, individuellen Text auf der Karte abgebildet ist. Leider ist das Versenden dieser Karten längst kein freiwilliges Lebenszeichen mehr, sondern eine Pflichtveranstaltung mit komplizierten Regeln. Chefs, Kollegen, Kunden, Zulieferer usw. müssen unbedingt bedacht werden, wenn man auch im neuen Jahr noch gut mit Ihnen zusammenarbeiten möchte. Aber auch Verwandte, Freunde und Bekannte sind schnell gekränkt, wenn sie keine Karte bekommen.

Und so verschickt beispielsweise Harukas Familie jedes Jahr um die 300 Karten. Zum Glück gibt es einige Hilfen, um die Unmengen an Karten effizient zu verarbeiten. Neben Stempeln für Motive und/oder Grußtexte sind da Computerprogramme, mit denen man die kompletten Karten am heimischen Drucker anfertigen kann. Da es aber zum guten Ton gehört, zumindest ein paar persönliche Worte von Hand zu schreiben,  ist es dennoch eine Riesenarbeit.

Das Versenden ist auch für die japanische Post ein enormer Kraftakt. Deswegen müssen die Karten bis zum 25. Dezember aufgegeben werden, um eine rechtzeitige Zustellung zum ersten Januar zu gewährleisten. In dieser Zeit greift die Post extra auf unzählige studentische Hilfskräfte zurück und an den Briefkästen ist das Postkartenfach kurzzeitig für Neujahrskarten reserviert.


Kochen und Essen

Mehr Stress bringt, genau wie bei uns, das Vorbereiten der traditionellen Speisen. Diese sind in Japan aus der Not geboren. Früher waren die Geschäfte ab Neujahr bis zu einer Woche lang geschlossen und noch während meines Austauschstudiums 2005 hatte alles am 1. und 2. Januar zu. Das betraf sogar die Geldautomaten, was unwissende Austauschstudenten in arge Bedrängnis bringen konnte. Heute schließen nur noch kleine Läden über die Feiertage und die unzähligen Convenience Stores sind natürlich durchgehend geöffnet. Aber aufgrund der Öffnungszeiten vergangener Tage und dem damit einhergehenden Mangel an verderblichen Speisen über Neujahr hat sich in Japan Osechi als Festmahl etabliert.

Osechi sind verschiedene Gerichte, die mit viel Zucker, Salz und Sojasauce haltbar gemacht werden. Einige sind derart aufwändig in der Zubereitung, dass fleißige Hausfrauen bereits am 30. Dezember mit dem Kochen beginnen müssen. Kuromame, gesüßte schwarze Bohnen, müssen einen Tag lang eingeweicht, acht Stunden lang durchgehend auf kleiner Flamme gekocht werden und schließlich einen weiteren Tag lang ziehen.

Osechi sollen verschiedentlich Glück im neuen Jahr bringen. In süßen, gekochten Seetang eingewickelter Thunfisch oder Schwarzwurzel (kobumaki), leitet sich von yorokobu ab, was freuen bedeutet und eben dies bewirken soll. Gelierte Fischpaste (kamaboko) ist weiß und rot gefärbt: Weiß soll den Segen der Götter, Rot Glück bringen. Pürierte Süßkartoffeln mit Edelkastanie (kurikinton) verheißen aufgrund ihrer gelben Farbe Reichtum. Garnelen schließlich, die für Japaner aufgrund ihres gebogenen Rückens und dem langen „Bart“ (die Fühler) wie alte Menschen aussehen, bescheren ein langes Leben. Die selbe Bedeutung haben auch Toshikoshisoba, Buchweizennudeln in Bonitobrühe mit verschiedenen Einlagen. Genauso lang wie die Nudeln soll das Leben sein.

Am Neujahrstag gibt es schließlich oft Ozoni, eine Misosuppe mit Mochi (Klebreis) und Gemüse. Diese Speise ist in Japan verantwortlich für den häufigsten Neujahrsunfall. Gerade alte Menschen können die zähe Masse aus Klebreis nur schwer kauen, weshalb sie ihnen manchmal im Hals stecken bleibt und im schlimmsten Fall zur Erstickung führt. Ein bewährtes Hausmittel ist hier das orale Einführen eines Staubsaugerschlauches…

Am 7. oder 15. Tag des Jahres wird dem überanspruchten Magen dann endlich eine Pause gegönnt. Nanakusa gayu ist eine bekömmliche Reissuppe mit sieben verschiedenen Kräutern.


Festivitäten und Brauchtümer

Essen spielt, wie bei allen sozialen Ereignissen in Japan, die zentrale Rolle. Daneben ist Oshougatsu vor allem ein Familienfest. Am Abend des 31. kommen die Verwandten zusammen, um zu essen, zu trinken und zu feiern. Auch hier läuft nebenher oft der Fernseher. Zu Neujahr ist Kouhaku utagassen besonders beliebt, ein Gesangswettbewerb zwischen Männern und Frauen. Auf dem Höhepunkt ihrer Beliebtheit sahen über 80% aller Japaner die Sendung.

Obwohl auch in Japan die Meisten mindestens bis 12:00 Uhr nachts wach bleiben um den Jahreswechsel zu erleben, gibt es die Tradition des Hatsuhinode (Neujahrs-Sonnenaufgang). Manche Japaner besteigen sogar den Fujisan um den ersten Sonnenaufgang des Jahres in besonders spektakulärer Umgebung zu sehen. Aber auch sonst soll es Glück bringen, am ersten Januar früh morgens von wo auch immer den Aufstieg des roten Runds zu betrachten.

Weiter geht es mit dem Hatsumode. Der erste Besuch eines Schreins im neuen Jahr ist besonders wichtig und vor allem junge Menschen werfen sich dafür in Schale. Nur selten sieht man derart viele prunkvolle Kimono. Beim Tempel zieht man Omikuji, kleine Orakelzettel, die Aufschluss über Glück und Unglück im neuen Jahr geben. Außerdem kaufen Viele Hamaya, rituelle Holzpfeile, die sie bis zum nächsten Jahreswechsel in die Wohnung stellen und das Unglück abwehren lassen. Mit dem Kauf eines neuen Pfeiles wird der alte rituell verbrannt. Auch Ema sind an diesem Tag beliebt. Auf die kleinen Holztäfelchen schreibt man seine Wünsche für das neue Jahr und hängt sie anschließend beim Tempel auf.

Für viele Kinder und Jugendliche ist Neujahr die Haupteinnahmequelle im Jahr, da sie hier oft üppige Geldgeschenke von ihrer Verwandschaft erhalten. In hübsche Umschläge verpackt stecken Ihnen Großeltern und Eltern die sogenannten Otoshidama zu.

Natürlich reagiert auch die Industrie auf die gesteigerte Finanzkraft am Jahresanfang. Fast überall kann man jetzt für kurze Zeit in Fukubukuro investieren. Das sind Tüten mit größtenteils unbekanntem Inhalt, die mindestens den Einkaufswert garantieren, oft aber noch Wertvolleres beinhalten. Je nach Firma weiß man aber natürlich in etwa, worauf man sich einlässt. So enthalten die Tüten von Apple natürlich nur deren Produkte und die von bestimmten Modelabels nur Kleidung der entsprechenden Marke, die auch in der gewählten Größe kommt.


Familie statt Party

Zum japanischen Neujahrsfest gäbe es noch viel mehr zu schreiben: Traditionelle Spiele, noch mehr Essen, Dekoration… Wir wollen es zunächst bei diesem kleinen Überblick belassen, freuen uns aber wie immer über Ergänzungen oder eigene Erfahrungen in den Kommentaren. Jedenfalls bringt das beschauliche Fest am Jahresende oder -anfang eine dringend notwendige Pause in den harten japanischen Alltag. Eigentlich ist es schade, dass die Ruhe schon so bald wieder von den zahllosen Konsummöglichkeiten beendet wird. 2005 musste man sich darauf einstellen, dass ein Großteil des Landes für zwei Tage still steht. Mittlerweile merkt man kaum mehr einen Unterschied zum Rest des Jahres. Auch in Deutschland ist das vergleichbare Weihnachten mehr Konsumterror als irgendetwas Anderes, aber zumindest die beiden Weihnachtsfeiertage halten sich wacker. Wir hoffen, dass das so bleibt. Damit eine letzte kleine Pause im Jahr uns die Möglichkeit bietet mit Menschen die uns wichtig sind kurz inne zu halten, bevor wir uns neuen Aufgaben stellen müssen.

Meister der Roll wünscht ein frohes neues Jahr!

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